Die "weiße Stadt" am Mittelmeer. Ein Mythos unter Architektur-Fans. Die größte Bauhaus-Stadt der Welt. 4000 Häuser. Nirgendwo wurden so viele Gebäude im Bauhaus-Stil errichtet wie in Tel Aviv. Die Hälfte der Gebäude steht seit 2003 unter Denkmalschutz, nachdem sie von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Diese Woche mag es vor allem der Eurovision Song Contest sein, der Touristen in die Stadt lockt. Doch seit Jahren zieht Tel Aviv auch immer mehr Menschen dank des gewaltigen Bauhaus-Ensembles an.

Dabei handelt es sich eigentlich gar nicht um reine Bauhaus-Architektur, stellt Micha Gross klar. Er spricht vom sogenannten "Internationalen Stil", in dem neben der modernen Architektursprache und Bauhaus auch Einflüsse aus dem russischen Konstruktivismus, der Genter Schule oder Ideen von Le Corbusier und Erich Mendelsohn mit seinen typisch abgerundeten Balkonen einwirkten.

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Bauhaus werde in Israel eher als Synonym für Modernismus benutzt, sei aber natürlich ein guter "Werbe-Slogan", um Touristen anzulocken, meint Micha Gross. Davon profitiert auch der gebürtige Schweizer, der seit 20 Jahren das Bauhaus Center Tel Aviv betreibt. Neben Ausstellungen und Büchern bietet das Privatunternehmen auch Bauhaus-Touren an, seit Neustem sogar auf Chinesisch. Die Touren konzentrieren sich vor allem auf den Dizengoff-Platz im Norden, den Rothschild Boulevard und das Stadtviertel Bialik. Und schnell wird klar - ganz so weiß ist die "weiße Stadt" dann doch nicht mehr.

Ein Aushängeschild des "Internationalen Stils": das Gebäude Nummer 94-96 in der Dizengoff Straße. - © apa/afp/Coex
Ein Aushängeschild des "Internationalen Stils": das Gebäude Nummer 94-96 in der Dizengoff Straße. - © apa/afp/Coex

Privilegien für Hausbesitzer

Abgesehen von den Gebäuden am gut besuchten Dizengoff-Platz sieht Tel Avivs Bauhaus-Ensemble heuer eher grau, beige, manchmal sogar rostbraun - und in den meisten Fällen ziemlich mitgenommen aus. Die feuchte, salzhaltige Meeresluft und das heiße Mittelmeerklima lösen den Putz der einst weiß strahlenden Fassaden ab. Nach 80 Jahren sind viele historische Gebäude baufällig.

Das Hotel Cinema am Dizengoff Square, 1936 von Architekt Yehuda Magidovitch geplant. - © afp/Thomas Coex
Das Hotel Cinema am Dizengoff Square, 1936 von Architekt Yehuda Magidovitch geplant. - © afp/Thomas Coex

Hier tritt Sharon Golan-Yaron auf den Plan. Die 43-jährige Architektin und Denkmalpflegerin ist Programmdirektorin und Initiatorin des zur Stadtverwaltung gehörenden "White City Centers". Ihr Job ist es, das Unesco-Weltkulturerbe in Stand zu halten und die Einwohner für den Erhalt dieses einzigartigen Architektur-Stils zu sensibilisieren.

In einer so schnell wachsenden Stadt wie Tel Aviv, in der Wohnraum knapp ist und die Mieten explodieren, sei Denkmalschutz aber kein leichtes Unterfangen und ein gewisser Spagat erforderlich, so die deutsch-israelische Architektin. "Tel Aviv ist kein Bauhaus-Museum. Im Denkmalschutz ist es hier also wichtig, auch auf die Bedürfnisse der Menschen zu achten", versichert Golan-Yaron.