Die Lyrikerin Sarah Kirsch antwortete einmal auf die Frage, ob sie das Internet nutze, nein, sie surfe lieber im Kindler. Gemeint ist das Literaturlexikon. Auch die 1625 vollendete auf Latein verfasste "Geschichte beider Kosmen" des englischen Universalgelehrten Robert Fludd ist solch ein analoges World Wide Web, dazu noch (multi)medial, weil der Autor unzählige Gedanken und Modelle vom damaligen Superstar Matthäus Merian kupferstechen ließ.

Stöbert man in den fünf Bänden, die Herausgeber Wilhelm Schmidt-Biggemann mit glänzend klaren Erläuterungen versehen hat, so erlebt man ein Feuerwerk an Untersuchungen, Ideen, Spekulationen. Die Entstehung der Elemente, Verknüpfungen von Makro- und Mikrokosmos und heute ziemlich wild wirkende theologische Überlegungen fügen sich zum Gesamtkunstwerk. Es wird rasch klar, warum etwa der Künstler Anselm Kiefer Fludd als Inspirationsquelle ansieht. Bei Fludd ist ein umfassendes Denken zu spüren, dass ebenso hochkomplexe astrologische Systeme entwirft, wie konkret nutzbare mathematische und technologische Analysen liefert. (Sub-)Strömungen sind noch in unserer Gegenwart zu spüren, wobei man mit Erschrecken feststellt, wie simpel und banal plötzlich viele neuere Denkgebäude erscheinen.

Kosmos und Kabbala

Um den durch die Zeiten laufenden Schöpfungsprozess Gottes zu verstehen, sucht Fludd nach Analogien auf den unterschiedlichsten Ebenen. Und er befasst sich ausführlich mit der Kabbala, die es - wer weiß das heute noch - schon zur Zeit der Renaissance in einer genuin christlichen Ausprägung gab. Das alles hat freilich nichts mit dem esoterischen Wildwuchs der pop-modernen Kabbala-Spiritualität à la Madonna (gemeint ist die Sängerin) zu tun. Robert Fludd erweist sich nicht nur als grundlegender Denker seiner Zeit, sondern auch als fruchtbares Gegengift einer synkretistischen Postmoderne, die nur auf Spiel und Austauschbarkeit setzt. Hier argumentiert jemand buchstäblich mit allen Mitteln und bis aufs Letzte, Grundsätzliche.

Dem in Stuttgart-Bad Cannstatt ansässigen Verlag Frommann-Holzboog ist eine epochale editorische Großtat gelungen, die durchaus ihren Preis hat. Aber man kann die "Geschichte beider Kosmen" durchaus als doppelte Investion ansehen: einmal als ziemlich langen und wichtigen Begleiter seiner Lebens- und Lesezeit, und als derzeit wohl exklusivstes Coffee Table Book.•