Heute Tag der vollständigen Sätze. Smile. Zu Deutsch: Grins. Supertag. Schwerpunkt auf Sprache immer gut. Macht Nachdenken. Über Marotten. Sprachquatsch muss fertig haben.

Naturgemäß muss man so beginnen - allein schon, um vor Augen zu führen, wie unsympathisch ein unvollständiger Satz ist. Aber umso mehr sei dem heutigen Tag die Ehre angetan, ihn in seiner vollen Glorie der Bezeichnung zu nennen: Der 31. Mai ist der "Speak in Complete Sentences Day", und obwohl er derzeit vor allem in den USA von Sprachliebhabern begangen wird, ist es einer jener nur scheinbar absurden Bedenktage, denen man internationale Aufmerksamkeit wünscht.

"Alles gut" - oder doch nicht?

Die Satzverstümmler sind längst am Werk. Sie sägen an den Zeit- und hobeln an den Vorwörtern. "Ich geh’ Kino" ist akzeptierte Jugendsprache, um das arme "ins" kümmert sich keiner mehr. Schlimmer noch: "Alles gut" hat sich dermaßen eingebürgert, dass kaum jemand nach dem verloren gegangenen Verb ruft, das allein bestimmt, ob die Sache nun gut ist oder gut wird oder nur gut scheint.

An allem ist die SMS schuld? - "An allem" wäre wohl zu viel Ehre für sie. Aber sie hat ihren Beitrag geleistet. Die Schnellnachricht ohne Anspruch auf literarische Formulierung ist allerdings dermaßen ins Alltagsbewusstsein eingesickert, dass ihre Ausdrucksweise in die gesprochene und sogar in die geschriebene Sprache vorgedrungen ist. Offenbar wird zwischen der SMS-Makulatursprache, der gesprochenen und der auf dem PC oder dem Mac geschriebenen Sprache immer seltener unterschieden.

Der Zusatz "auf dem PC oder dem Mac" ist wichtig. Sobald man nämlich mit der Hand oder mit der guten alten Schreibmaschine schreibt, werden Korrekturvorgänge verhältnismäßig kompliziert. Zwangsläufig überlegt man die Formulierung, ehe man den Kugelschreiber oder die Füllfeder aufs Papier setzt oder zu tippen beginnt, doppelt und dreifach, wie man sich ausdrückt. Damit beginnt ein Überlegungsprozess, der sozusagen automatisch zu einem hochwertigeren Deutsch führt. Die Frage "Gehst du morgen Kino m mir?" wird in einem handgeschriebenen Brief eher nicht vorkommen, und man wartet zumindest bisher vergebens auf ein am PC getipptes Gedicht, das die Qualität von Goethes "Wanderers Nachtlied" ("Über allen Gipfeln ist Ruh’") erreicht.

Jetzt aber ertönen die Unkenrufe: Verkürzte Sprache - das ist doch ein Stilmittel namens Ellipse, zu finden etwa in Sprichwörtern und sprichwortartigen Sentenzen. Um wie viel prägnanter ist es zu sagen: "Je später der Abend, desto schöner die Gäste" als: "Je später es am Abend ist, desto schöner sind die Gäste." Man findet das auch ab und zu in Bauernregeln: "Abendrot - Schönwetterbot’". Während sich da das "ist ein" gleichsam mitdenken lässt, weiß man bei "außen hui und innen pfui" rein gar nicht, welches Verb man sinnvoll ergänzen könnte.