Das Voynich-Manuskript bewahrt sein Geheimnis - vorerst. - © Yale University
Das Voynich-Manuskript bewahrt sein Geheimnis - vorerst. - © Yale University

Vom Voynich-Manuskript läuft der rote Faden zu B. Traven und den ägyptischen Pyramiden, er wickelt William Shakespeare an Elena Ferrante, er berührt die Rongorongo-Schrift und leitet weiter zur etruskischen Sprache: Geheimnis heißt dieser rote Faden. Und dann kommt ein Aufdecker daher und schneidet ihn mit der Schere der schnöden Realität durch! - Nichts ist langweiliger, als ein gelüftetes Geheimnis.

Eines derer, die sich am hartnäckigsten gegen die Erkenntnis sträuben, ist unlängst in Bedrängnis geraten: das Voynich-Manuskript. Der bisherige Stand: Der mittelalterliche Kodex, mit seltsamen Bildern illustriert und in einer unbekannten Schrift und wohl auch unbekannten Sprache abgefasst, stellt die Tüftler vor ein Rätsel. Selbst computergestützte Entschlüsselungsversuche versagten. Ehe Wilfrid Michael Voynich den Codex im Jahr 1912 erwarb, befand er sich unter anderem im Besitz von Rudolf II., dem Habsburger-Kaiser in Prag, der das Absonderliche liebte. Sollte das Werk ein intellektueller Scherz für seine Majestät gewesen sein? Ein Buch, das nicht gelesen werden kann? Eine Sammlung vorgeblichen Wissens, das in Wahrheit nur grafische Erfindung ist?

Welch herrliches Rätsel, über dem man zu spekulieren und träumen vermag!

Der Schlüssel - ein Zirkelschluss

Dann kommt Gerard Cheshire, Research Assistent an der Universität Bristol, und ist drauf und dran, alles ins graue Licht schnöder Realität zu tauchen: Unlängst hat der Spezialist für Vulgärlatein behauptet, er habe den Schlüssel zur Entzifferung gefunden. Das Buch sei in einer "proto-romanischen" Sprache abgefasst, eine dominikanische Nonne habe es in den Jahren 1445-1448 auf der Aragonenburg (beim heutigen Ponte d’Ischia) für Maria von Kastilien verfasst.

Cheshires Nachweise schienen glaubwürdig, und das Geheimnis des Voynich-Manuskripts begann schon zu verblassen, da bemängelte Lisa Fagin Davis, eine Expertin der Medieval Academy of America, die Annahme einer bisher unbekannten Sprache als Schlüssel für eine unbekannte Schrift komme einem Zirkelschluss gleich und beweise rein gar nichts.

Das Geheimnis ist bewahrt. Das Spekulieren und Träumen darf weitergehen.

Gerettet! - Denn wie würzlos wäre die Welt ohne ihre Geheimnisse! Der Mensch braucht sie wie einen Bissen Brot. Es ist sein Urtrieb, den Dingen auf den Grund zu gehen, zu forschen und zu erkennen. Er ersetzt die Jagd auf das Mammut durch die Jagd nach der Lösung des Rätsels.

Wehe aber, das Rätsel wird gelüftet. Dann bleibt nur gelangweiltes Achselzucken. Der Fall des Schriftstellers B. Traven ist ein Paradebeispiel dafür. B. Traven schrieb einen der spannendsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts: "Das Totenschiff". Der Name des Autors war ein Pseudonym, und wer auch immer hinter B. Traven stecken mochte: Er machte alles, dass seine Anonymität gewahrt blieb. Spätere Romane befassten sich mit Südamerika, und das dermaßen genau, dass man sicher sein konnte, der Autor würde dort leben. Legenden rankten sich um seine Identität: ein gesuchter Anarchist? Der Halbbruder Walther Rathenaus? Gar ein unehelicher Sohn Kaiser Wilhelm II.? Solcher Stoff schreibt die Spannung über die Romane hinaus weiter.