Der europäische Kontinent erlebte nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gravierende Veränderungen der politisch-ökonomischen Landkarte. Der "Eiserne Vorhang" trennte im einsetzenden Kalten Krieg nach 1945 bis zum Niedergang des Sowjetimperiums 1990/91, der mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 begann, das freie westliche liberal-demokratisch ausgerichtete Europa unter Schirmherrschaft der USA vom Osteuropa autoritärer Satellitenstaaten unter sowjetisch-russischer Gängelung. Das geteilte Deutschland wurde zu einem Epizentrum der Rivalitäten der beiden Supermächte Amerika und UdSSR. In Ost und West standen sich die Armeen der Nato und des Warschauer Paktes konventionell und atomar hochgerüstet gegenüber.

Das große Zusammenwachsen

Trotz des allgegenwärtigen Säbelrasselns beider ideologisch gegensätzlicher Blöcke und trotz diverser Krisenmomente im Laufe der Jahrzehnte blieb der europäische Kontinent letztlich von einem neuerlichen großen Krieg bis heute verschont. Der Kalte Krieg und die Teilung Europas endeten schließlich offiziell mit der Charta von Paris 1990. Deutschland wurde wiedervereint.

Mit der Charta von Paris waren viele Menschen euphorisch und träumten vom "ewigen Frieden". Doch wie es Emmanuel Kant im Jahr 1784 festhielt: "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden."

Europa erlebt seit der Ukraine-Krise 2014 und der russischen Annexion der Krim eine Wiederbelebung der Ost-West-Spannungen mit einem um Reputation als wiedererstandene Großmacht bemühten Russland unter Präsident Wladimir Putin. Der Graben zwischen Ost und West ist seit der Osterweiterung von Nato und EU nach dem Ende des Kalten Krieges um einige Hundert Kilometer nach Osten direkt an die russische Grenze verschoben worden.

Und dennoch: Die Kinder des "Babybooms" der Nachkriegszeit, die in diese neue Ära hineingeboren wurden, sollten Veränderungen vor allem auf dem Gebiet der europäischen Integration mit der Entstehung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und dann der EU erleben, die sich ihre Eltern nicht einmal hätten vorstellen können. Zudem sollten sie eine Beschleunigung des Wandels erleben - in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, die alles übertraf, was man aus früheren Friedenszeiten kannte.

Der renommierte Historiker Ian Kershaw beleuchtet in seinem neuen Werk die Wendungen und Windungen, das Auf und Ab, das Europa von einer Epoche der Unsicherheit in die nächste geführt haben.

Globalisierungswellen

Der Autor versucht den komplexen, facettenreichen Veränderungsprozess zu erklären, der Europa zwischen 1950 und heute transformiert hat. Die Globalisierungswellen der den letzten Jahrzehnten umfassen nicht nur die ökonomische Integration aufgrund der freien Bewegung von Kapital, Technologie und Information, sondern auch die Verknüpfung von soziokulturellen Fortschrittsmustern über Ländergrenzen hinweg. Diese Prozesse haben nicht nur zu einer besseren materiellen Versorgung der europäischen Bürger geführt, sondern auch die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert und neue Unsicherheiten unter anderem im Zuge der Flüchtlingskrise in Europa geschaffen. Die latente Eurokrise und der bevorstehende Brexit bringen das Projekt der europäischen Integration in bedrohliche Schieflage.

Die europäische Entwicklung gleicht seit 1950 mit ihren Höhen und Tiefen tatsächlich einer "Achterbahnfahrt". Neben Fortschritten und Verbesserungen gab es auch Rückschläge und Ernüchterung. Doch wo viel Schatten ist, da ist auch viel Licht. Mehr als lesenswert.