Paris. (eb) Dass sich der Phönix aus der Asche erheben wird, ist ausgemachte Sache. Der Streit dreht sich um das Wie: Als prächtiger Vogel, wie man ihn kannte - oder als post-postmodernes Architekturexperiment. Der Wiederaufbau der am 15. April teilweise niedergebrannten Symbol-Kathedrale Notre-Dame de Paris erhitzt die Gemüter von Politikern, Experten und Bürgern gleichermaßen. Dass die Arbeiten bis zum Start der Olympischen Spiele im Juli 2024 abgeschlossen sein werden, glaubt, mit Ausnahme von Staatspräsident Emmanuel Macron, wohl niemand mehr so recht.

Modern oder originalgetreu? - Das ist die Frage. Die Extrempositionen nehmen Nicolas Dupont-Aignan ein, der einen originalgetreuen Wiederaufbau fordert, und Yanninick Jadot, der vor "rückschrittlicher Nostalgie" warnt. Beide Meinungen sind symptomatisch für die politischen Richtungen, die von diesen beiden Politikern vertreten werden: Dupont-Aignan ist Gründer der euroskeptischen Partei "Debout la France", Jadot der Chef der französischen Grünen.

Warnung der Unesco

In die erhitzten Debatten zwischen Modernisten und Traditionalisten hat sich nun die Unesco eingeschaltet und daran erinnert, dass die Kathedrale auf der Liste des Weltkulturerbes steht. Damit sie dort bleibt, müssen die Renovierungsarbeiten in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Konvention des Weltkulturerbes stehen, zitiert die französische Kunstzeitung "Le Quotidien de l’Art" das Unesco-Welterbekomitee vor dessen Jahressitzung in Baku (Aserbaidschan), die am Sonntag beginnt. Man fordere Frankreich auf, mit dem Komitee über den Ablauf der Restaurierung zu diskutieren.

Die Wortmeldung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Macron und seine Mitte-links-Regierung ein Gesetzesprojekt in die Wege geleitet haben, das die politischen Lager spaltet. Der höchst umstrittene Text sieht unter anderem Lockerungen bei den Denkmalschutzvorgaben vor, um die Restaurierung zu beschleunigen.

Viele vermuten dahinter einen Schachzug, um die Befürworter einer Modernisierung des Gotteshauses in eine vorteilhaftere Position zu bringen, zumal Macron kurz nach dem Brand wissen hatte lassen, dass er sich eine zeitgenössische Architektur durchaus vorstellen könne. Im französischen Parlament wurde die Gesetzesvorlage nach erregten Diskussionen in erster Lesung zwar angenommen, im Senat wird sie aber nach einer ersten vergeblichen Runde am 10. Juli erneut die Gemüter bewegen. Eine Einigung ist noch lange nicht in Sicht.

Es gibt freilich noch ein weiteres Zeichen, dass Macron mit den Modernisierern liebäugelt: Schon kurz nach dem Feuer hatte die Regierung einen internationalen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Wäre eine Eins-zu-eins-Rekonstruktion im Sinne Macrons, wäre ein solcher Wettbewerb unsinnig. Die Ideen reichen von einem begrünten und begehbaren Dach bis zu einem Spitzturm, der an einen Wolkenkratzer erinnert, oder an eine riesige Flamme als Mahnmal für den Brand.

Experten raten zu bremsen

Allerdings sind es gerade Experten, die der Regierung raten, auf die Bremse zu treten: Auf der Homepage der französischen Tageszeitung "Le Figaro" warnten rund 1000 Fachleute Macron davor, gegen die Regeln des Schutzes von Kulturgütern zu verstoßen.

Auch Marc Le Fur von der konservativen Partei "Les Republicains", zu deren Galionsfiguren Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy gehören, stellt klar: "Einmal ein Swimmingpool, ein anderes Mal eine grüne Parkanlage... - alles Architekturprojekte, die wir nicht wollen."

Doch nicht nur Politiker und Experten sind gespalten - auch die Meinung der Menschen ist keinesfalls klar. Denn einer Umfrage der Zeitung "Le Figaro" zufolge stehen zwar 72 Prozent der Franzosen kritisch gegenüber Ausnahmen, die als Grundlage einer Modernisierung dienen könnten, aber im April haben sich nur 54 Prozent der Befragten - und damit eine knappere Mehrheit als erwartet - für einen originalgetreuen Wiederaufbau ausgesprochen.

Angesichts dessen mutet es fast wie Ironie an, dass die bei dem Brand zerstörte Kirchenuhr aus dem Jahr 1867 originalgetreu restaurierbar wäre. Der Uhrmachermeister Jean-Baptiste Viot nämlich hat bei einer Inventur in der Kirche Sainte-Trinité im Zentrum von Paris ein fast identisches Uhrwerk gefunden. Aber was bedeutet eine originalgetreu restaurierte Uhr, wenn die restliche wiederaufgebaute Kathedrale am Ende doch nur für die Hybris zeitgenössischer Architektur stehen sollte?