"Parle-moi d’amour" sang Juliette Gréco, die als Kind wenig Liebe erfahren hatte und in ihrer ganzen Karriere das Herz als notwendige Dépendance des Hirns zu verstehen schien. Juliette Gréco sang das Hohechanson der Intellektuellen. Wer sie als andere Piaf begreift, hat gar nichts verstanden: Die Piaf mit ihrer einschmeichelnden Traurigkeit – Juliette Gréco mit ihrer Widerborstigkeit, ihren Brüchen, ihren scharfen Kanten.

Schon ihr Name: Zärtlich hebt er an, dann zwei Silben wie Kratzer im Lächeln, kurz, hart, prägnant. Unverwechselbar. Wie oft nennt man die Piaf mit ihrem Vornamen? Die Piaf ist die Piaf ist die Piaf. Bei der Gréco gesellt sich immer wieder ihr Vorname hinzu. Weil es klanglich passt. Ihr Name ist wie ihr Singen. Es ist kein Künstlername. Sie hieß wirklich so. Am 7. Februar 1927 wurde sie in Montpellier geboren. Ihre Kindheit ist geprägt von ihrer Mutter – aber nicht etwa von deren Zuneigung, sondern von deren Kälte. Juliette Gréco schilderte sie als Soldatin mit vielen Orden und wenig Liebe.

Während der NS-Besatzung Frankreichs engagiert sich die Mutter in der Résistence. Dadurch gerät auch Juliette ins Visier der Gestapo. Lagerhaft, dann Gefängnis – doch Entlassung nach drei Wochen. Ihrer Mutter und ihrer Schwester ergeht es schlechter: Sie werden ins KZ Ravensbrück verschleppt. Sie überleben. Juliette Grécos Verhältnis zu Deutschland indessen ist nachhaltig getrübt. Erst 1959 tritt sie in der Bundesrepublik auf.

Star der Intellektuellen

Zu diesem Zeitpunkt ist sie in Frankreich längst der Star der Intellektuellen. Der oberste der Existentialisten hatte sie zur Muse erkoren. Wie mag man sich diese Szene vorstellen? Möglicherweise so: Sie hatte die Kellerdiskothek "Tabou" im Pariser Künstlerviertel Saint-Germain-des-Prés eröffnet. Dort entspannen die Denker jetzt des Abends und Nachts ihre Gehirne. Boris Vian, Dichter, Schriftsteller und Apologet des Jazz, spielt dazu virtuos die Trompete. Unter den Gästen: Orson Welles, Marlene Dietrich. Und Jean-Paul Sartre.

Juliette Gréco steigt auf einen Tisch und singt der Pariser Denkelite eine Nacht lang Chansons vor. Am nächsten Tag bestellt sie Jean-Paul Sartre zu sich. Vielleicht versinkt er im Blick dieser Augen, die sanft sind und doch hypnotisieren. Vielleicht ist es eine Begegnung auf geistiger Ebene. Sartre prophezeit Juliette Gréco, sie werde eine der größten Chansonnièren werden. Ein Geschenk gibt es auch: Sie darf sich zwei Gedichte des Schriftstellerphilosophen aussuchen, die er vom viel gefragten Chanson- und Filmmusikkomponisten Joseph Kosma vertonen lässt. Wenig später singt Juliette Gréco die beiden Lieder. Der Erfolg stellt sich sofort ein.

Chansonnière der Dichter

Nicht bei der breiten Masse, wohl aber spricht die tief rauchige Stimme mit ihren perfekten Kratzern die Intellektuellen an. Juliette Gréco singt nicht einfach, sie suggeriert ihre Texte. Jeder Dichter, der zugleich modern und chansonaffin ist, was im Frankreich jener Tage das Gleiche bedeutet, will von Juliette Gréco gesungen werden: Jean-Paul Sartre schreibt für sie "La Rue de blanc Manteaux", Raymond Queneau "Si tu t’imagines", Jacques Prévert "Je suis come je suis", Louis Aragon "La Rose et le Réséda", sie singt Texte, die François Mauriac, Albert Camus, die Sagan für sie dichten. Im Radio präsentiert sie eine Lyrik-Sendung. Ihre Anhänger feiern sie als "Königin der Existentialisten", als "Muse von Saint-Germain-des-Prés".

Jetzt nützt sie ihre enorme Bühnenpräsenz, ihr Charisma auch für Filmrollen - natürlich Filme, die auf die eine oder andere Weise der Autorenelite nahestehen: Sie spielt die Bakcchantinnen-Anführerin Aglaonice in Jean Cocteaus "Orphée", tritt als Sängerin in Otto Premingers "Bonjour Tristesse" nach Françoise Sagan auf, spielt die Doppelrolle Laurence/Stéphanie in der surrealistisch durchwucherten Fernsehserie "Belphégor oder das Geheimnis des Louvre", aber sie ist klug genug, sich nicht völlig auf die Schauspielerei zu stürzen. Sie bleibt in erster Linie Chansonnière.

Beruflich scheint alles zu gelingen – und privat so Weniges. Die Ehe mit dem Schauspieler Philippe Lemaire, mit dem sie eine Tochter hat, scheitert ebenso wie jene mit dem Schauspieler Michel Piccoli. Erst die dritte Ehe, die sie mit dem Komponisten und Pianisten Gérard Jouannest schließt, hält. Gerüchte über homosexuelle Affairen bestätigt sie in einem Interview mit der Wochenzeitschrift "Die Zeit" 1989 freimütig: "Seit der Antike, seit dem Bestehen der Welt liebten die Frauen Frauen. Also, wo ist das Problem?"

Nach einem leichten Herzinfarkt im Jahr 2001 trat Juliette Gréco wieder auf, etwa 2007 im Münchener Prinzregententheater oder 2010 beim Jazzfest Wien in der Staatsoper.

Sie wurde älter, das Charisma blieb. Mit einer Tournee, die sie 2015 begann, bedankte sie sich bei ihren treuen Fans. Man müsse wissen, wann der Zeitpunkt gekommen sei, aufzuhören, sagte sie. Sie singe seit 65 Jahren, das sei ein langes Arbeitsleben.

Am 23. September 2020 ist Juliette Gréco im Alter von 93 Jahren gestorben. Sie sei zuhause in ihrem Haus in Ramatuelle in Südfrankreich im Kreis ihrer Familie gestorben, hieß es in einer Mitteilung der Familie.