Claudio Abbado steht an der Grenze zu einer neuen Zeit der Pultstars. Die Ära derer, die auch dann als Musikdiktatoren wahrgenommen werden, wenn sie es im Umgang mit den Orchestern gar nicht sind, geht langsam zu Ende, und die der stromlinienförmigen Klangpolierer, die öfter mit Aufnahmeleitern über ihre Vorstellungen sprechen als mit den Musikern, hat noch nicht begonnen.

Abbado, am 26. Juni 1933 in Mailand geboren und am 20. Jänner 2014 in Bologna gestorben, war tatsächlich der "stille Revolutionär", als der ihn Wolfgang Schreiber im Titel seiner Biografie bezeichnet: Einerseits war er der Demokrat unter den Dirigenten, der Musiker in als Menschen verstand, nicht als Klangerzeuger. Andererseits setzte Abbado aber auch seine Ideen in sanfter Beharrlichkeit durch. Der Unterschied zu anderen Dirigenten war nur, wie er sie vermittelte: Abbado wollte überzeugen, nicht befehlen.

Claudio Abbado war ein Stardirigent ohne die Allüren eines Dikators. - © dpa/Sophie Tummescheit
Claudio Abbado war ein Stardirigent ohne die Allüren eines Dikators. - © dpa/Sophie Tummescheit

So gründlich wie gut lesbar zeichnet Schreiber das Leben Abbados nach von ersten Dirigierkursen über das Studium bei Hans Swarowsky in Wien bis zu den Chefpositionen an der Wiener Staatsoper und bei den Berliner Philharmonikern, dem Aufbau von Jugendorchestern und der Gründung von Wien modern. Schreiber analysiert Abbados Repertoire und seine Probentechnik ebenso, wie er auf seine umfassende Bildung eingeht und auf seine Sympathie für die politische Linke, die sich von der Befassung mit dem Lyriker Salvatore Quasimodo herleitete und dazu führte, dass er zum wichtigsten Fürsprecher des Komponisten Luigi Nono wurde, der seine avantgardistische Musik in den Dienst des Marxismus stellte.

Am Ende von Schreibers Abbado-Buch hat der Leser das Gefühl, dem Denken und Fühlen eines bedeutenden Musikers nähergekommen zu sein. Mehr kann eine Biografie nicht erreichen.