Harmonische Plätze

In den Marken wird der Besucher nicht von zahllosen weltbekannten Sehenswürdigkeiten sprichwörtlich erschlagen, sondern sie bieten sich ihm in verdaulichen Portionen an - dafür aber von Qualität. Ancona, die Kapitale der Region, einst Hafenstadt von strategischer Bedeutung, wird hauptsächlich von Urlaubern angesteuert, die sich nach Albanien oder Griechenland einschiffen.

Enttäuscht von der betriebsam-nüchternen Atmosphäre soll schon Goethes Vater 1740 auf seiner Italienreise bemängelt haben, dass die Bucht viel "zu wenig vor den starken Nordwinden geschützt" sei. Darüber hinaus wurde die Stadt im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe stark beschädigt und entsprechend modernen Kriterien wieder aufgebaut.

Zu den kulturellen Highlights gehört neben dem hübschen mittelalterlichen Städtchen Ascoli Piceno mit einer der schönsten und harmonischsten Plätze Italiens, vor allem Urbino, ein Juwel der Renaissance und Geburtsort Raphaels - das seine Schönheit vor allem dem Herrschergeschlecht der Montefeltro verdankt. "Der junge Fürst Federico, aufgeschlossen und bürgernah", erklärt Peter Aufreiter aus Linz, seit 2015 Direktor der Nationalgalerie der Marken und designierter Direktor des Technischen Museums in Wien, während er durch die prachtvollen Räume führt, "spazierte täglich, wenn er nicht gerade auf Kriegszügen war, durch die Straßen Urbinos und sprach mit den Bürgern auf Augenhöhe. Seinen Palazzo soll er bescheiden ,casa‘ genannt haben."

Als der junge Federico Mitte des 15. Jahrhunderts die Regierung übernahm, holte er Architekten, Bildhauer und Maler von Ruf mit dem Auftrag, eine "città ideale", eine ideale Stadt zu schaffen, für die er auch eigene Entwürfe einbrachte. So entstand in relativ kurzer Zeit ein harmonisches, in sich geschlossenes Stadtbild mit dem Palazzo Ducale als Zentrum, der heute - mit wechselnden Ausstellungen - nicht nur Besucher aus ganz Italien anzieht.

Doch Urbino ist keineswegs eine museale, sondern eine junge Stadt. Das verdankt sie dem außergewöhnlichen Wachstum ihrer traditionsreichen Universität. Der Alltagsrhythmus wird, zumindest währende der Semester, von den fast 20.000 Studenten, die auf nur rund 15.000 Einwohner kommen, geprägt. In den historischen Cafés unter den Arkaden auf der Piazza della Repubblica, der guten Stube der Stadt, trifft man sich zum Schwatz, zum Zeitunglesen und zum Feiern einer erfolgreichen Abschlussprüfung bei einem Glas Verdicchio oder Rosso Piceno. Mancher trägt einen selbstgebastelten Lorbeerkranz auf dem Kopf, als stolzes Zeichen der neu erworbenen Würde. "Le Marche", die Marken (vom deutschen Wort "Mark" im Sinne von Grenzland), die nur im Plural auftreten, lassen sich, wie ihr Name, nicht auf ein einziges Merkmal reduzieren. Obwohl Industrie und Dienstleistungsgewerbe agrarische Strukturen längst in den Hintergrund gedrängt haben, ist das positiv Provinzielle vergangener Zeiten vielerorts erhalten geblieben. Kaum bekannte Orte überraschen mit gut erhaltenen historischen Bauten und einem intakten urbanen Leben, in dem Tradition und Moderne auf originelle Weise verschmelzen.