Sollten Sie sich auch gelegentlich fragen, warum sich immer mehr Zeitgenossen tätowieren lassen: Schuld daran ist, wohl eher überraschend, die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch dazu etwas später.

Mit den etwas ernsteren Konsequenzen der Nullzinspolitik der EZB - also keine Zinsen fürs Ersparte und superniedrige Zinsen für Kredite - beschäftigt sich das Buch "Die Nullzinsfalle - Wie die Wirtschaft zombifiziert und die Gesellschaft gespalten wird" der Herren Roland Stoeferle, Rahim Taghizadegan und Gregor Hochreiter auf geradezu brillante Weise.

Denn: Den wenigsten Menschen dürfte bewusst sein, dass der von der Notenbank erzwungene Zinssatz von null nicht nur Sparer enteignet und Kreditnehmer begünstigt, sondern viel weitreichendere Folgen für die Wirtschaft und in der weiteren Folge die ganze Gesellschaft hat und weiter haben wird. Die wenigsten dieser Folgen sind günstig.

Die Auslese unterbleibt

Die Ausgangslage: Nach dem Finanzcrash von 2008 druckten die Notenbanken der Welt gewaltige Mengen Geldes und senkten die Zinsen in Richtung null, um eine Krise wie in den 1920er und 1930er Jahren zu verhindern.

Das funktionierte vorerst auch. Gleichzeitig stiegen die Schulden der Staaten explosiv an: um Banken zu retten, um Nachfrage zu generieren, und auch, weil Gratis-Kredite Politiker immer dazu animieren, Kredite aufzunehmen und Wähler zu bestechen.

Solange die Zinsen bei null liegen, ist das kein großes Problem. Das wird es aber, wenn die Zinsen wieder auf normales Niveau angehoben werden, dann explodieren die Zinslasten der Staaten. Schlimm für die solideren Nord-Staaten der EU, ruinös für Italien, Griechenland, Frankreich oder Spanien. Pleite wären dann auch all jene Großbanken, die Anleihen dieser Staaten in ihren Büchern stehen haben, ein neuerlicher, fürchterlicher Crash die Folge.

Deswegen kann die EZB die Zinsen in überschaubarer Zukunft nicht erhöhen: "Wir stecken in der Nullzinsfalle."

Das führt, abseits von Sparern und Kreditnehmern, unter anderem zu einer "Zombifizierung" der Wirtschaft. Weil Geld gratis zu haben ist, können auch nicht mehr wettbewerbsfähige Unternehmen und Banken überleben. Damit wird das marktwirtschaftliche Prinzip der Auslese durch Insolvenz der unproduktiven und der Aufstieg der produktiveren Unternehmen außer Kraft gesetzt, was die Wirtschaft insgesamt lähmt und schwächt. Stagnation und Wachstumsschwäche sind die Folge.

Als "wohl schlimmste Folge der Nullzinspolitik" identifizieren die Autoren die Konsequenz dieser Lähmung: einen "inhärenten Etatismus", der dadurch entsteht, dass der Staat mit immer mehr Interventionen gegensteuern will - je niedriger die Zinsen, umso fetter der Staat, der auf nahezu unbegrenzten Kredit zugreifen kann und das auch tut. "Staat ist monopolisierte Gewalt", argumentieren die Autoren korrekt weiter, "die Ausdehnung des Staates bedeutet trotz aller Bekenntnisse zur Demokratie (. . .) immer zur Ausweitung des Bereichs der Gewalt zulasten des Bereichs des Vertrags und der freiwilligen Kooperation." Sogar die Fähigkeit der Staaten, Kriege zu führen, steige durch die Politik des lockeren Geldes an, denn ohne Kredit sei jeder Krieg sehr schnell zu Ende.

Entwertetes Geld

Doch auch auf den Einzelnen hat der Wegfall des Zinses starken Einfluss. Wenn Kredit wohlfeil und billig ist, gleichzeitig aber sehr berechtigte Sorge um den künftigen Wert des Geldes vorherrscht und Sparbücher zu Entwertungsinstrumenten werden, fördert das ungesunde Konsumexzesse nach dem Motto "Nach mir die Sintflut", samt einer damit letztlich verbundenen allgemeinen Verantwortungslosigkeit und letztlich Infantilisierung - "Wir unterhalten uns zu Tode".

Womit wir bei der Frage nach den um sich greifenden Tattoos wären.

Also: Weil auch die billigen Kredite bedient werden müssen, verwandelt die Nullzinsfalle immer mehr Menschen in Zinsknechte, die bis an ihr Ende im Hamsterrad des Erwerbes laufen müssen, um ihre Kredite abstottern zu können. Dies führt zu einer zunehmenden Homogenisierung und Gleichförmigkeit, samt daraus resultierendem Sehnen nach Distinktion. Etwa durch Tattoos. Eine, auch wenn sie so nicht nachweisbar ist, jedenfalls witzige These eines außerordentlich intelligenten Buches.