"Wiener Zeitung": Sie sind der ehemaligen Kulturhauptstadt Linz, deren Intendant Sie waren, noch immer verbunden, haben einen Zweitwohnsitz hier und auch kürzlich eine Ausstellung im Offenen Kulturhaus kuratiert. Wie fühlt sich die Stadt zehn Jahre später für Sie an?

Martin Heller: Veranstaltungen wie ein Kulturhauptstadtjahr haben natürlich eine Halbwertszeit - die Wirkung lässt nach. Dennoch fühlt sich die Stadt anders an. Sie ist selbstbewusster geworden, sie hat an Statur gewonnen, sie tritt anders auf. Und trotz nach wie vor etlicher Leerstände gibt es interessante neue Zonen in der Innenstadt. Die Stadt hat ökonomisch und touristisch zugelegt. Ihre Veränderung spürt man in der Bevölkerung, an der Politik, an den Institutionen, in der Kulturszene.

Martin Heller. - © apa/G. Hochmuth
Martin Heller. - © apa/G. Hochmuth

Das Schlossmuseum zeigt eine Schau über das Kulturhauptstadtjahr, was sagen Sie als damals Verantwortlicher dazu?

Die Ausstellung versammelt hübsche Memorabilien, aber leider berührt sie die Grundfrage nicht. Nämlich: Was war Linz vor der Kulturhauptstadt? Was wollte die Stadt, was konnte sie nicht? Wenn man Linz09 richtig verstehen will, muss man solche Fragen aufgreifen. Einen Übergang von der Stahlstadt zur Kulturstadt zu propagieren reichte damals nicht aus, wir haben uns mit der ganzen Linzer Identität beschäftigt.

Linz09 gilt als Paradebeispiel einer Kulturhauptstadt. Wie muss eine Stadt beschaffen sein, damit das Konzept Wirkung entfalten kann?

Linz09 ist ein Exzellenzbeispiel für viele Nachfolgerinnen. Das hat wesentlich mit der künstlerisch-inhaltlichen Autonomie zu tun, die uns damals zugestanden wurde. Sie hat es ermöglicht, auch mental schwierige Ausstellungen wie die "Kulturhauptstadt des Führers" zu machen. Linz09 hat aber auch die Brücke zwischen kulturellem Angebot und Vermarktung geschafft, ohne sich zu verrenken. Die Gastgeberrolle wurde ernstgenommen.

Kulturhauptstädte werden immer beliebiger. Man weiß gar nicht mehr, welche Stadt gerade den Titel trägt. Das fühlt sich nicht mehr nach einer Auszeichnung an.

Die große Zeit des Formats ist vorbei. Da hat ein europäischer Bürokratisierungsprozess eingesetzt, den ich für fatal halte. Als ich 2005 nach Linz kam, war bereits vieles geplant. Das kümmerte uns jedoch wenig, wir haben völlig neu angesetzt. Solche Freiheit ist heute kaum mehr gegeben. Mich interessiert das Konzept Kulturhauptstadt nicht mehr.

Welche Faktoren machen eine Kulturhauptstadt dennoch erfolgreich?

Linz wollte sich als Stadt neu positionieren. Das war eine ideale Ausgangslage mit einer bitteren Pille. Der Stolz der Politiker, dass sie das dreckige Linz zu einer sauberen Industriestadt gemacht hatten, war berechtigt. Aber viele Städte sind sauber, dafür windet niemand einen Kranz. Das muss man verkraften, und dann erst kann ein Prozess mit großem Potenzial beginnen. Man muss die Stadt analysieren und begreifen, und dabei auch die Bevölkerung mit einbeziehen.

2024 feiern Linz und Oberösterreich 200 Jahre Anton Bruckner. Wäre für dieses Jubiläumsjahr wieder ein Blick von außen als Stachel im Fleisch ratsam?

Es gibt genügend kritische Geister in der Stadt, die einen solchen Anlass gegen den Strich lesen können. Da braucht es niemanden von außen. Allerdings müssen die kulturellen Akteure die Bereitschaft der Politik erzwingen, großzügig zu investieren. Und einen Stachel im Fleisch des gemütlichen Alltags müssen die Beteiligten explizit wollen.

Ist das Brucknerjahr 2024 wieder eine Chance für die Stadt?

Unbedingt. Linz ist keine Stadt der Debatten - sie braucht Projekte wie 2009 oder 2024, um sich weiter zu entwickeln. Bruckner ist eine interessante Figur, er gehört nur Oberösterreich, vieles kann thematisch herbeigezogen werden, vieles lässt sich neu erfinden. Man sollte das Brucknerjahr unbedingt breit denken und schon jetzt damit anfangen. Es bräuchte ein wildes Programm, Mut für ein Abenteuer. Zusammen mit allen, die Lust haben, und gegen alle widrigen Bedingungen - wozu leider die Linzer Medienlandschaft gehört, die sich in den vergangenen zehn Jahren nicht wirklich verbessert hat.

Von Linz09 sind der Höhenrausch und der Keplersalon geblieben. Hätte noch mehr bleiben sollen?

Einspruch: Es gibt weit mehr, was geblieben ist, Sichtbares und Unsichtbares! Aber natürlich ist manches eine Frage des Geldes. Die Budgets von damals waren nicht verlängerbar. Es gehört zum Prinzip der Kulturhauptstadt, dass sich mit einem Teil des Geldes Dinge realisieren lassen, die einzigartig sind - als Ansporn für die Zukunft. Die Bilder im Kopf sind ein Teil der Kulturhauptstadt-Erbschaft. Aber gewiss wäre es sinnvoll gewesen, mit den Politikern rechtzeitig über das Danach nachzudenken - bloß: Für sie war am Ende des Jahres der Ausnahmezustand vorbei.