Es fühlte sich an wie ein passender Schlussstrich, auch wenn die Ausrichter das höchstwahrscheinlich nicht so sehen. Von 16. bis 18. August hätte auf einem Grundstück außerhalb von Baltimore, Maryland, ein riesiges Open Air-Konzert unter einem geschichtsträchtigen Titel stattfinden wollen. Für "Woodstock 50" waren unter anderem Stars wie Miley Cyrus, Jay-Z, John Fogerty, The Raconteurs und The Lumineers gebucht, aber auch Musiker, die schon beim namensgebenden Original dabei waren: Carlos Santana, John Sebastian und Country Joe McDonald. Ende vergangenen Monats wurde das Jubiläumskonzert überraschend und in quasi letzter Minute abgeblasen.

Die Veranstalter waren nach eigenem Bekunden "auf eine ganze Reihe unvorhersehbarer Probleme gestoßen, die eine Ausrichtung unmöglich machen." Gepaart war die Absage mit einem Appell, dass jene Künstler, die ihre Gagen schon im vornhinein kassiert hatten, einen kleinen Teil davon an eine Charity spenden sollen, die sich um die Registrierung von jungen Wählern bemüht.

Einen Schlussstrich repräsentierte das Ganze deshalb, weil nach diesem Desaster jetzt wohl - hoffentlich - endgültig Schluss sein dürfte mit der Ausschlachtung der Marke Woodstock. Nicht, dass sie nicht schon in den Jahrzehnten davor genug Schaden genommen hätte.

Love, Peace, Happiness. Woodstock-Besucher. - © dpa
Love, Peace, Happiness. Woodstock-Besucher. - © dpa

Schlamm auf der Bühne

1994 fand anlässlich des 25. Jubiläums unter dem Motto "Two More Days of Love and Music" auf einem Feld bei Saugerties, New York, die erste Neuauflage in großen Stil statt. (Zwei ebenfalls unter dem Label "Woodstock" vermarktete, kleinere Konzerte, eines 1979 im Madison Square Garden und ein spontanes 1989, das auf dem gleichen Grundstück stattfand wie das Original und großteils von lokalen Musikern bestritten wurde, nicht mitgezählt). Die Tickets kosteten für damalige Verhältnisse sagenhafte 135 Dollar pro Nase. Belohnt wurden die Besucher mit komplett überforderten Sicherheitsleuten, sündteurem Catering und nicht enden wollenden Regenfällen, wofür sie sich unter anderem mit dem ausgiebigen Werfen von Schlamm auf die Konzertbühnen revanchierten. Nichtsdestotrotz wagte sich der damalige Musiksender MTV fünf Jahre später an eine Neuauflage - die nicht minder katastrophal endete.

Blick auf einen von den Besuchern produzierten Müllberg beim Musikfestival Woodstock. Es war ein heilloses Chaos: verstopfte Anfahrtswege, matschige Wiesen, kaum Toiletten. Und doch wurde Woodstock 1969 zum wichtigsten Festival der Musikgeschichte. - © dpa
Blick auf einen von den Besuchern produzierten Müllberg beim Musikfestival Woodstock. Es war ein heilloses Chaos: verstopfte Anfahrtswege, matschige Wiesen, kaum Toiletten. Und doch wurde Woodstock 1969 zum wichtigsten Festival der Musikgeschichte. - © dpa

Das einzige, was von "Woodstock ‚99" in Rome, New York, im kollektiven Gedächtnis hängen blieb, sind Szenen von Gewalt, Plünderungen und brennenden Autoreifen. Vom 1969er-Original, diesem "Funken Schönheit, der einer halben Million Kids zeigte, dass sie Teil eines größeren Organismus sind", wie es die Sängerin Joni Mitchell formulierte (die trotz Einladung nicht in Woodstock auftrat, weil ihrem damaligen Manager ein Auftritt in einer Fernseh-Talkshow wichtiger gewesen war) und den Erinnerungen an ein magisches Spätsommer-Wochenende in der New Yorker Provinz, das im Nachhinein von den Kommentatoren wahlweise als Anfang oder Ende einer Ära interpretiert wurde, ist heute entsprechend kaum mehr übrig als die Kommerzialisierung seines Namens; und selbst der, siehe oben, scheint seine Strahlkraft nunmehr endgültig verloren zu haben.

Ansturm der Massen. - © dpa
Ansturm der Massen. - © dpa