Vielleicht ist das ganz gut so, weil 50 Jahre danach vielleicht endlich die erste wirkliche Chance entsteht, einen nüchternen und unverstellten Blick auf den Mythos Woodstock zu werfen, der ihm nicht zwangsläufig abträglich ist. Fakt ist, dass Woodstock - eigentlich das "Bethel Rock Festival", weil es in der Pampa von Upstate New York stattfand, rund 70 Kilometer weit weg von der namensgebenden Gemeinde - ein singuläres Ereignis war, ein so wundersamer wie wunderbarer Betriebsunfall der Geschichte. Ein aus 32 Acts bestehendes, zum größten Teil zufällig zusammen gewürfeltes Lineup: Manche von ihnen schon damals leicht aus der Zeit gefallen (Arlo Guthrie, The Band, Ten Years After), manche am Höhepunkt ihres Schaffens (Jimi Hendrix, Joan Baez, Janis Joplin), manche erst am Beginn ihrer Karriere (Santana, Sly and The Family Stone, The Grateful Dead). Das alles eingebettet in eine Zeit und ein gesellschaftliches Klima, das aus heutiger Sicht provinzieller und einengender kaum hätte sein können. Mit Richard "Tricky Dick" Nixon war nur ein halbes Jahr vorher jene "schweigende Mehrheit" ins Weiße Haus eingezogen, die gestern wie heute ein Problem mit nicht-weißen Hautfarben, nicht-christlichen Religionen und nicht-heterosexuell gepolten Menschen hat, vom Vietnam-Krieg ganz zu schweigen.

Liebe-Friede-Hippiefest

Die drei Tage von Woodstock, für die Nachwelt auf Film gebannt von Mike Wadleigh - beim Zusammenschneiden des Materials halfen ein gewisser Martin Scorsese und seine später langjährige Schittmeisterin Thelma Schoonmaker - auf ein Liebe-Friede-Eierkuchen-Hippiefest zu reduzieren, das einfach nur den Gegenentwurf darstellte, ist trotzdem und genau deshalb ebenso zu kurz gegriffen wie die ewige Leier von der angeblichen Zeitenwende, die sie einläuteten. Der unmittelbare Zauber von Woodstock 1969 bestand in seinem ungeplanten und genau deshalb unnachahmbaren Charakter, der spontan Hunderttausende hinströmen ließ, der teilweise bis heute atemberaubenden, zeitlosen Qualität der gebotenen Darstellungen und der Tatsache, dass eine halbe Million junger Leute über ein Wochenende lang ohne große Zwischenfälle miteinander auskamen.

Verlässliche Verklärung

Der mittelbare lag an der aus diesem einmaligen Zusammenspiel entspringenden Ästhetik, die, wenn schon nicht politisch, bis heute zumindest kulturell nachwirkt. Dass es hingegen mit der Woodstock bis heute gern zugeschriebenen universal-utopischen Qualität nicht weit her war, wurde indes schon vier Monate später klar, als die als Security angeheuerten, aber völlig überforderten Hell’s Angels beim als "Woodstock West" vermarkteten Konzert am nordkalifornischen Altamont Speedway reihenweise Leute von der Bühne prügelten und einen Konzertbesucher sogar abstachen. Dementsprechend ist der Grad der dieser Tage anlässlich des 50-jährigen Jubiläums wieder hochkommenden Verklärung von Woodstock - und seiner verlässlich damit einhergehenden Überhöhung, die seine Einzigartigkeit eher mindert, als ihr dient - nachvollziehbar. Angesichts der Tatsachen am politischen Boden hält sie indes keiner Prüfung stand.

Bereits zwölf Jahre nach dem Ereignis, als die schon damals mehr in den Medien als solche zitierte als tatsächlich bestehende "Generation Woodstock" soweit im Erwachsenenalter angekommen war, dass man glaubte, dass sie endlich etwas fundamental bewegen würde im Staate USA, nahm mit Ronald Reagan einer in Washington den Faden dort auf, wo ihn Nixon liegen gelassen hatte. Spätestens mit seiner Wiederwahl 1984 wurde das bisschen, was vom Geist von Woodstock zu diesem Zeitpunkt noch übrig war, endgültig und für immer zurück in die Flasche gebannt. In der war es zwar eng, aber nicht eng genug, dass es sich nicht längst auch jener Teil der Baby Boomer inzwischen darin gemütlich gemacht hatte, die den erzkonservativen Rassisten Reagan ("Diese Affen aus den afrikanischen Ländern, die sich noch nicht einmal daran gewöhnt haben, Schuhe zu tragen") schon seinerzeit als das sahen, was er war. Zumindest insofern erwiesen die den Namen "Woodstock" tragenden Abklatsche von 1994 und 1999 mit all ihren Problemen dem Charakter ihrer Zeit denselben Tribut wie das Original der ihren. Nachdem uns Woodstock jetzt gottlob erspart bleibt: Nicht alles Gute zum Jubiläum, sondern danke, Woodstock 1969. Ruhe in Frieden.