Marillenknödel können, so gut sie schmecken, nicht für die österreichische Nation stehen, denn sie sind tschechischen Ursprungs, Palatschinken kommen aus dem Balkan oder aus Ungarn, darüber streite sich, wer mag, und ein Tafelspitz ist als Lieblingsgericht von Kaiser Franz Joseph zu aristokratisch, um die breite Masse für sich einnehmen zu können.

Deshalb bleibt nur das Schnitzel. Einzig und allein. Bodenständig. Ehrlich. Österreichisch. Das bekommt man landab, landauf, hier mit gelbgoldener Panier, dort mit dunklerer, tellerfüllend hier, da als über den Tellerrand hängenden Riesenlappen. Sogar auf den Förderbändern von Running-Sushi-Lokalen ziehen Schnitzel vorbei, könnte immerhin sein, dass unter den Gästen einer ist, der rohen Fisch im Klebreismantel mit Kren für wenig berauschend hält.

So ist das Schnitzel zum Kulturgut geworden, das für Österreich steht. Die Schnitzelsemmel labt in der Pause von langen Autofahrten, das Schnitzelbrot auf Bahnfahrten. Kulinarische Wien- und Österreich-Führer signalisieren ihr Thema mit einem Schnitzelbild auf dem Einband, aber im Grunde könnte auch ein Wörterbuch des Österreichischen Deutsch so illustriert erscheinen: Unsere Nation - unsere Sprache - unser Schnitzel. Ein Landesverräter, wer keines isst. In den Kotter mit ihm, einsperren bei Wasser und Schnitzel!

Wobei: Ist es nicht seltsam, wie sehr Nationen an Speisen und Getränken hängen, ja: mit ihnen gleichgesetzt werden? Wieso spielen nicht Dichter und große Gestalten der Geschichte diese Rolle?

Eine Ausnahme dürfte Frankreich sein: Napoleon ist bekannter als Coq au Vin. Oder denkt man, wenn man an Frankreich denkt, einfach ganz allgemein an Rotwein, Käse und Baguette, ohne das weiter zu spezifizieren?

England, eine Nation, die nun wahrhaft dem Ruf einer kulinarischen Hochkultur widerstrebt, woran auch Jamie Oliver nichts ändert, ist gewiss im nicht-britischen Kollektivbewusstsein auch the Queen und Shakespeare, aber noch mehr "Fish and Chips". Russland: Kaviar und Wodka. Bayern: Bier und Weißwurst. Griechenland: Feta und Ouzo. Die Länder Ex-Jugoslawiens (bei allen Unterschieden): Čevapčići. Die Ungarn machen es kompliziert, weil natürlich jeder an Gulasch denkt, das dortige Gulyaś aber die hiesige Gulaschsuppe ist, während unser Gulasch dort Pörkölt heißt. Aber im Prinzip stimmt auch das.

Und dann die Italiener! - Die haben, sieht man von den Chinesen ab, die ja immer alles zuerst gehabt haben, das Fastfood erfunden: Ob es nun Germteig mit Paradeisern, Knoblauch und Käse ist, vulgo Pizza, oder Nudeln mit diversen Zutaten - es kommt auf die Abstimmung und die Qualität weniger Ingredienzen an, nicht auf gewürzte Verdeckungsabsichten, bei denen ein Huhn wie ein Fisch schmeckt. Und dann haben sich die Italiener obendrein noch eine schnelle Fleischspeise einfallen lassen, auch so eine scheinbar einfache Sache, die, wie alle einfachen Sachen, nur dann einfach ist, wenn man Fingerspitzengefühl für sie hat.