Mitte der 1960er-Jahre besucht eine kleine Gruppe österreichischer Journalisten in Polen das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Einer der Teilnehmer, dessen mehr als 30 Personen zählende Verwandtschaft dort vergast worden ist, erinnert sich: "Vor den Gebirgen an Menschenhaar stehend und an meine kleinen Verwandten, Vetter Hugo und Cousine Livia denkend, bin ich plötzlich schluchzend zusammengebrochen. An diesem Sommertag im Todeslager habe ich mich als Überlebender, der kein Auschwitz-Häftling gewesen ist, zutiefst geschämt (. . .) Auschwitz hat mich nie mehr verlassen."

Es ist eine ebenso intime wie berührende Szene, die Österreichs Journalisten-Legende Paul Lendvai, der am 24. August 90 Jahre alt wird, auf den ersten Seiten seines neuesten Buches "Die verspielte Welt" schildert. Man muss den Mann, der seinen ungarischen Akzent mit jener Sorgfalt zu pflegen scheint, mit der ein Harley-Davidson-Fahrer am Sonntag seine Maschine poliert, nicht weiter vorstellen: Lendvai ist gefühlt länger im heimischen Fernsehen präsent, als es überhaupt Fernsehen gibt; Bücher hat er dutzendweise geschrieben und sonst ist er das, was man eine Institution nennt. In seinem Fall völlig zurecht.

Gesundes Selbstbewusstsein

Paul Lendvai: "Die verspielte Welt. Begegnungen und Erinnerungen"; Ecowin-Verlag 2019; 238 Seiten; 24 Euro
Paul Lendvai: "Die verspielte Welt. Begegnungen und Erinnerungen"; Ecowin-Verlag 2019; 238 Seiten; 24 Euro

"Die verspielte Welt" bietet dem Leser genau das, was der Untertitel verspricht: "Begegnungen und Erinnerungen". Nicht chronologisch oder thematisch, sondern nach Menschen geordnet, flaniert Lendvai behände durch die letzten Jahrzehnte Ost- und Südosteuropäischer Geschichte. Geschickt verwebt er Schilderungen interessanter Begegnungen mit den wichtigsten politischen, aber auch akademischen oder literarischen Persönlichkeiten - wie Tito, Peter Handke, Vaclav Klaus, George Soros, Lord Weidenfeld, aber auch Bruno Kreisky oder Christian Broda - mit dem Fluss der Geschichte und mischt Privates, manchmal gar leicht Voyeuristisches mit dem Politischen ab.

Das Ergebnis fühlt sich ein wenig wie die Konversation einer kultivierten, belesenen und natürlich manchmal auch etwas Boshaften und zur Intrige neigenden Abendgesellschaft in einer Villa irgendwo in Warschau, Budapest, Wien oder Belgrad an.

Es ist ein weiter Bogen, den Lendvai da von Auschwitz bis hin zu den aktuellen Angriffen Victor Orbáns (der Ungarn in "eine Kleptokratie besonderer Art" transformiert habe) auf den Spekulanten und Milliardär George Soros zieht. Bei dem zu Hause war er übrigens am 15.März 2018 zu einem privaten Abendessen eingeladen, berichtet Lendvai, und der Hausherr habe ihm ironisch berichtet, dass seine Spekulation darauf, Trumps Wahlsieg würde zu einem Crash an der Börse führen, ihn "viel Geld gekostet" habe. (Tatsächlich handelte es sich um eine Milliarde Dollar.)

Dass Lendvai nicht gerade unter einem unterentwickelten Selbstbewusstsein leidet, verschweigt er seinen Lesern nicht wirklich. Über sein Verhältnis zu Bruno Kreisky schreibt er etwa: "Ein besonderer Vertrauensbeweis war, dass er mich einmal gebeten hat, an seiner Stelle Österreich bei den sagenumwobenen jährlichen Bilderberg-Treffen im April 1968 in Mont-Tremblant in Kanada zu vertreten".

Dort sei er mit "rund 80 Spitzenpolitikern, Großindustriellen, Bankiers, Publizisten und Wissenschaftlern" zu "mehrtägigen Diskussionen über internationale Fragen zusammengesessen, erfahren wir mit Ehrfurcht.

An solchen Passagen wird immer wieder sichtbar, dass sich der Journalist Paul Lendvai nicht nur als Chronist versteht, sondern durchaus auch als politischer Akteur. Etwa, wenn er nach den falschen Anschuldigungen gegen den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim notiert: "Ich konnte und wollte angesichts der internationalen Dimension der Kampagne (gegen Waldheim) nicht untätig bleiben (. . .) Mir ging es um das Ansehen Österreichs".

Das mag vielleicht nicht so ganz die Aufgabe klassischen Journalismus sein - aber man glaubt es Lendvai aufs Wort.