Königin Elisabeth I. (hier auf einem Gemälde Steven Van Der Meulens) war eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit und gilt bis in die Gegenwart als Herrscherinnen-Ikone. - © afp/Carl de Souza
Königin Elisabeth I. (hier auf einem Gemälde Steven Van Der Meulens) war eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit und gilt bis in die Gegenwart als Herrscherinnen-Ikone. - © afp/Carl de Souza

England ist wieder ein Rätsel. Das war es, weit weniger banal, auch zu Shakespeares Zeiten. Der versuchte, das Rätsel zu lösen durch spielerische Vernunft und unbändige Phantasie. Schirmherrin dieses Goldenen Zeitalters Englands war die rigide, doch weitblickende Herrscherin Elisabeth I. In Schillers "Maria Stuart" ist sie - unhistorisch - ein gefühlsverführter Machtmensch. Doch die geschichtliche Elisabeth I. war weit vielgestaltiger.

Einst, noch vor ihrer Geburt 1533, hatte ihr Vater Heinrich VIII. räsoniert: "Das Schlachtfeld ist unpassend für die Beschränktheit einer Frau." Doch die Tochter besiegte 1588 die Armada, Spaniens Invasionsflotte, und festigte damit den Stolz der Engländer auf ihr Land: "Patriotismus, das Bewusstsein einer singulären Stellung in Europa, gemischt mit einer Spur Fremdenfeindlichkeit" sei seit damals in den Köpfen der Engländer fest verankert, meint Thomas Kielinger, langjähriger England-Korrespondent der deutschen Zeitung "Die Welt", in
seiner neuen Biographie Elisabeths I. Er zitiert die selbstbewusste Tilbury-Rede der Königin vor Beginn der Abwehrschlacht gegen Spanien: "Ich weiß, dass ich zwar den Leib eines schwachen, kraftlosen Weibes habe, dafür aber Herz und Mark eines Königs, noch dazu eines Königs von England."

Königin Elisabeth I. war eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit und gilt bis in die Gegenwart als Herrscherinnen-Ikone. - © APAweb/ afp/Justin Tallis
Königin Elisabeth I. war eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit und gilt bis in die Gegenwart als Herrscherinnen-Ikone. - © APAweb/ afp/Justin Tallis

Absage an den
religiösen Fanatismus

Hervorstechend war Elisabeths Bildung. Vor allem ihr ausgeprägter Sinn für die Formenvielfalt der Sprache war früh entwickelt. Sechs Sprachen beherrschte sie fließend. Für die bedeutendsten klassischen Philologen der Universität Cambridge war die junge Prinzessin bald schon die Meisterschülerin: "My brightest star" ("mein leuchtendster Stern") nannte sie der Gräzist Roger Ascham, einer ihrer Tutoren. Sie übersetzte antike Werke, so etwa die "Consolatio Philosophiae" des Boethius. Die Gesandten waren später verzweifelt, weil vor dieser Herrscherin nichts Geheimes gesagt werden konnte. Noch die 64-jährige Elisabeth vermochte 1597 einen polnischen Botschafter, der ihr auf Lateinisch Versäumnisse in Englands Beziehungen zu Polen vorhielt, in fließendem Latein in die Schranken zu weisen.

Kielingers farbige Darstellung der energischen Tudor-Herrscherin zeigt eine Politikerin, deren Stärke die Fähigkeit war, Kompromisse zu schließen. Damit verweist der Biograph auf das Dilemma der gegenwärtigen Politik Englands, die ein gespaltenes Land erzeugt hat. Gespalten im Machtkampf zwischen Katholizismus und Protestantismus war England auch bei Elisabeths Machtantritt. Die Stärke der Herrscherin war es indes, so Kielinger, "dass sie nicht den religiösen Fanatismus ihres Zeitalters teilte, sondern zur Definition des nationalen Interesses von absolut säkularen Grundsätzen ausging". Sir Walter Raleigh, ihr Günstling, hielt dazu fest: "Die Welt, nicht die Kirche, gab den Ton an, nach dem das Zeitalter der Elisabeth tanzte und sang."

Philosophen-Königin
nach Platons Geschmack

Nachgerade wurde die "Gloriana", wie sie nach Edmund Spensers Epos "The Fairie Queen" genannt wurde, jene Philosophin auf dem Königsthron, wie es sich Platon für seine männlichen Geistesherrscher gewünscht hatte. Eine Welteroberin wollte sie nicht sein. Territoriale Erweiterung ihres Königreichs lag ihr fern. Wohl aber galt ihr Wirken der Mehrung des Wohlstands ihrer Bürger, der Künste und der maritimen Handelsmacht Englands. Trotz des Drängens des Parlaments blieb sie unverheiratet. Sie sei mit England vermählt, erklärte sie souverän ein Jahr nach ihrem Amtsantritt als Königin. Die sechs Ehen ihres Vaters Heinrich VIII., die für zwei der Gemahlinnen, darunter ihre Mutter Anne Boleyn, auf dem Schafott endeten, dürften ihre abschreckende Wirkung nicht verfehlt haben. Zudem war sie nicht willens, den Thron mit einem Mann zu teilen.

44 Jahre lang regierte Elisabeth ihr Reich, ehe sie 1603 starb. Als Königin hat sie die Größe Englands als Weltmacht begründet. Die Epoche ihrer Regentschaft trägt seither als "Elisabethanisches Zeitalter" ruhmvoll ihren Namen.