Der 1. Juli 2019 hätte für die Regierung von Hongkong ein Festtag werden sollen: Die Spitzenpolitiker der Stadt und chinesische Regierungsbeamte versammelten sich, um den 22. Jahrestag der Stadt-Übergabe durch die britische Verwaltung an die Volksrepublik China zu feiern.

Doch im Kongress- und Ausstellungszentrum des Geschäftsviertels Wan Chai wollte keine rechte Feierstimmung aufkommen: Nur 200 Meter entfernt demonstrierten überwiegend junge Menschen in weißen T-Shirts, ausgerüstet mit Helmen, Regenschirmen und Gasmasken. Dabei schwenkten sie auch eine Flagge, die seitdem als das inoffizielle Symbol der Protestbewegung gilt: ein verblühtes, blutbeflecktes Blatt eines Orchideenbaums, angelehnt an das offizielle Stadtwappen von Hongkong. Über die sozialen Netzwerke verbreitete sich das Design wie ein Lauffeuer und ist mittlerweile auf Kleidern, Postern und Wandmalereien allgegenwärtig.

Botschaft an die Polizeikräfte: "Fahrt zur Hölle"

Entworfen hat das ikonische Emblem ein junger Hongkonger mit dem Künstlernamen "Y", der sich selbst als Teil eines Kollektivs sieht: Mehr als 5000 Mitglieder organisieren sich über die Messenger-App "Telegram" in einem Thinktank, die besten Ideen werden von 200 Designern in Entwürfe umgesetzt. Es sind scharfe, subversive Grafiken, die der führerlosen Protestbewegung ein Gesicht nach außen geben: "Wir produzieren vor jeder Demonstration eigene Poster mit den grundsätzlichen Informationen, in die wir Referenzen an die globale Pop-Kultur, den kantonesischen Slang und ironische Witze einbauen", erklärt Y seine Inspiration.

Auf den sogenannten "Lennon Walls", die in der ganzen Stadt verteilt sind, werden die kleinen Kunstwerke dann wie auf einer großen Pinnwand verewigt. Dabei reagieren die Designer schnell auf die schwankenden Stimmungen in der Stadt: Als beispielsweise der Präsident einer Studenten-Union wegen des Besitzes eines Laser-Pointers festgenommen wurde, dauerte es nicht lange, bis die ersten "Star Wars"-Parodien mit Lichtschwertern und Sturmtruppen-Polizisten die Runde machten. Und als am 15. August das Fest der hungrigen Geister gefeiert wurde, bei dem traditionell "Höllengeld" verbrannt wird, um die Verstorbenen zu ehren, brachten die Demonstranten ihre eigene Währung in Umlauf. Darauf zu sehen: die Spitzenpolitiker der Stadt und führende Polizeikräfte, versehen mit der Botschaft "Fahrt zur Hölle".

Die angesprochene Gegenseite blieb dabei nicht untätig: Regierungsfürsprecher brachten ihre eigenen Cartoons heraus, auf denen die Demonstranten als freche und undankbare Bengel porträtiert wurden - in einem Fall auch als Maden. "Wir wussten, dass wir einen ungleichen Kampf gegen die Regierung und die Polizei kämpfen müssen. Die haben einen riesigen PR-Apparat, viel mehr Ressourcen und die Macht, den Diskurs zu lenken. Wir können ihnen nur unsere Kreativität entgegensetzen", erklärt Y, der laut eigenen Angaben in den vergangenen drei Monaten nur vier Stunden pro Nacht geschlafen hat.