Laut dem kanadischen Suchtexperten und Autor Gabor Maté ist die wichtigste Frage, was ein Mensch durch sein Suchtverhalten zu kompensieren sucht. Er beschreibt Abhängigkeit als einen Versuch der Problemlösung um mit (emotionalem) Stress, einem Trauma, einem empfundenen Kontrollverlust, kurz Schmerz, umzugehen. Dabei muss ein Trauma keine monströsen Ausmaße Marke schrecklicher Todesfall in der Familie annehmen. Es reicht aus, wenn Elternteile emotional unerreichbar bleiben und langfristig nicht auf die Bedürfnisse einer sensiblen, jungen Seele eingehen, um einen traumatisierten Erwachsenen zurückzulassen. Laut Maté steht also nicht die Behandlung der Sucht, sondern deren unterliegende Problematik im Vordergrund.

Dem kann Musalek sich nicht anschließen. Er weist auf die Fülle pathogenetischer Theorien, die zur Sucht-Entstehung kursieren, sowie auf die Komplexität der Erkrankung hin. Ein Abhängigkeitssyndrom, erklärt er, entstehe nie aus einem einzigen Grund heraus, vielmehr aufgrund multipler Faktoren. Sucht trete beispielsweise häufig zusammen mit psychischen Erkrankungen, wie Angststörung oder Depression, auf.

Auch kann die Genetik anfälliger für einzelne Suchtmittel machen. Wer etwa Alkohol gut verträgt, der wird eher eine Alkoholsucht entwickeln als jemand, der unter den Nachwirkungen einer durchzechten Nacht sehr leidet. Allerdings: "Jeder hat eine Chance auf Sucht", sagt Musalek, wenn über einen langen Zeitraum eine hohe Dosierung des Suchtmittels konsumiert wird.

Doch was macht denn nun an Social Media so süchtig? Immer wieder liest man, jeder Like auf Instagram und Co. löse einen Dopamin-Ausstoß aus. Das ist nicht ganz richtig, stellt Musalek klar: Wenn unser Facebook-Profilbild geliked wird, freuen wir uns und schütten in der Folge Stoffe aus, die uns ein gutes Gefühl geben. Das kann etwa Dopamin sein, aber auch Oxytocin, das "Kuschelhormon", das unter anderem für zwischenmenschliche Bindung zuständig ist. Like ist gleich Dopamin ist gleich Dopamin als Quasi-Suchtmittel und Wurzel der Abhängigkeit, ist also deutlich zu einfach gedacht.

Auf die Frage, ob man in Zukunft auch Instagram- oder Twitter-Süchtige behandeln wird, berichtet Musalek, dass solche Fälle bereits existieren. Die Betroffenen reagieren mit massivem Unwohlsein, wenn sie nicht mehrere Stunden pro Tag auf Social Media verbringen können. Vermutlich werden die Fallzahlen auch zukünftig nicht sinken, eben weil immer mehr und bessere Verfügbarkeit des Suchtmittels gewährleistet ist. Wie genau die Behandlung Betroffener angelegt sein wird, kann der Experte noch nicht sagen. Da müsse man noch auf Ergebnisse der Forschung zuwarten.

Bis es so weit ist, sollte man das Handy sicherheitshalber öfter einmal aus der Hand legen.