Man kann es wohl ohne Übertreibung einen Eklat nennen, den Eike Schmidt am Dienstagnachmittag in der Wiener Kulturpolitik ausgelöst hat. Dass ein Generaldirektor für das KHM es sich ein Monat vor Amtsantritt wieder anders überlegt, hat es noch nicht gegeben. Kein Wunder, dass Kulturminister Alexander Schallenberg in einer ersten Stellungnahme diese Absage als "höchst unprofessionell und beispiellos" bezeichnet hat. Am Mittwoch teilte Kuratoriumsvorsitzende Ulrike Baumgartner-Gabitzer mit, dass Schmidt sie bereits in der Vorwoche informiert habe, dass er nicht gedenke, den Posten zu übernehmen.

Es war aber auch ein Eklat, der sich gerüchteweise schon länger angekündigt hat. Und eigentlich auch schwarz auf weiß. Erst Mitte August schrieb der "Corriere Fiorentino", dass Schmidt in Florenz bleiben wolle, aber auf Zeit spiele. Die war offenbar auf seiner Seite, denn der Regierungswechsel in Italien änderte für den deutschen Museumsleiter die Vorzeichen.

Macht’s vorerst: Sabine Haag. - © apa/Hochmuth
Macht’s vorerst: Sabine Haag. - © apa/Hochmuth

Die Regierung, die die Museumsreform 2015, bei der zahlreiche nicht-italienische Direktoren engagiert wurden, torpediert hat - unter anderem wurde die Bestellung des Österreichers Peter Assmann als Leiter des Palazzo Ducale in Mantua von einem Gericht gekippt -, hat sich verabschiedet. Und mit Dario Franceschini kam erneut jener Politiker ins Kulturminister-Amt, der Schmidt einst an die Uffizien geholt hatte.

Macht’s nicht: Eike Schmidt. - © apa/Fohringer
Macht’s nicht: Eike Schmidt. - © apa/Fohringer

Für viele liegt der Verdacht nahe, dass Schmidt gepokert hat - und letztendlich durch den Regierungswechsel gewonnen hat. Gerüchteweise soll er nun als letzten Anreiz, die Wiener Position ziehen zu lassen, auch die Accademia in Venedig zugesprochen bekommen haben. Das lassen auch italienische Medienberichte vermuten.

Für die "Wiener Zeitung" war Eike Schmidt nicht erreichbar. Er soll sich aber in Wien aufhalten, da er am Donnerstag bei einer Tagung des Verbands österreichischer Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen spricht. Am Freitag soll ein Treffen zwischen Minister Schallenberg, der derzeit wiederum in New York weilt, und Schmidt stattfinden, bei dem es auch um "beträchtlichen finanziellen Schaden" durch die plötzliche Absage gehen soll. Ob Schmidt mit rechtlichen Konsequenzen oder eventuellen Pönalen rechnen muss, weil er einen unterschriebenen Vertrag mit der Republik Österreich nicht antritt, wollte man im Bundeskanzleramt und im KHM am Mittwoch nicht beantworten.

"Fachliche Gründe" hat Schmidt gegenüber Schallenberg als Grund für seine Absage genannt. Was können solche sein? Nun, es sind welche, die gehörig am Ego der Kunststadt Wien kratzen können. Es gibt wohl drei Museen in Europa, bei denen man nicht freiwillig die Leitungsposition aufgibt. Das ist das British Museum in London, das ist der Louvre in Paris und das sind die Uffizien in Florenz. Das KHM ist nicht unter diesen Top 3, es kann trotz aller Strahlkraft den Uffizien nicht das Wasser reichen. Daher überraschte Schmidts Bestellung durch den damaligen Kulturminister Thomas Drozda schon im Herbst 2017.

Ein konkretes Programm soll Schmidt schuldig geblieben sein, er war zwar im vergangenen Jahr bei einigen Sitzungen, brachte sich aber lediglich mit dem Vorschlag einer gar kurzfristigen Ausstellung zum Beethoven-Jahr 2020 ein. Unter der Belegschaft des KHM sollen dem Vernehmen nach wiederum Ankündigungen Schmidts, die Strukturen zu ändern, Widerstand hervorgerufen haben. Die Sammlungsleiter hätten geschwächt werden sollen, die Entscheidungsgewalt stärker beim Generaldirektor liegen sollen. Mehr Macht hat Schmidt nun aber offenbar in Italien bekommen.

Rom gibt Schwarzen Peter ab

Auch wenn man in Rom am Mittwoch betonte, dass das Kulturministerium von Schmidts Verzicht nicht informiert worden war. "Schmidt hat uns nicht mitgeteilt, dass er auf die Generaldirektion des KHM verzichtet hat. Wir haben von ihm keine direkte Information, wir haben lediglich von Medien erfahren, dass er auf den Posten verzichtet hat. Wir hoffen, dass es nicht zu diplomatischen Problemen mit Österreich kommt", meinte Mattia Morandi, Pressesprecher von Franceschini. Gerüchte über einen möglichen Verbleib Schmidts als Uffizien-Direktor könne er nicht kommentieren.

Wie geht es nun weiter? Sabine Haag wird weiterhin interimistisch das Haus führen - wie sie es bereits seit Anfang des Jahres macht. Auch wenn sie bereits bei der letzten Ausschreibung Zweitgereihte war, kann sie nicht einfach an den Posten der Generaldirektorin "nachrücken". Eine neue Ausschreibung ist gesetzlich vonnöten, heißt es aus dem Kulturministerium.