Arthur Schnitzler (Ausschnitt einer Porträtfotografie von Ferdinand Schmutzer, um 1912) begleitete in seinen Tagebüchern das Ende der Donaumonarchie. - © wikimedia
Arthur Schnitzler (Ausschnitt einer Porträtfotografie von Ferdinand Schmutzer, um 1912) begleitete in seinen Tagebüchern das Ende der Donaumonarchie. - © wikimedia

Ein deutscher Historiker lernt die Wiener Welt des Fin de Siècle kennen und lässt uns an dieser frischen Begegnung teilnehmen. Als Überraschung hat er einen literarischen Hebstecken für seine Deutung des Untergangs der habsburgischen "Welt von gestern" parat. Im Tagebuch von Arthur Schnitzler ist ab 1911 der häufige Besuch einer Tochter aus der Nachbarschaft im Wiener Cottageviertel vermerkt.

Das junge Mädchen hieß Stephanie Bachrach und entstammte der Familie eines jüdischen Börsenmaklers, der eine luxuriöse Villa in der Hasenauerstraße, unweit von Schnitzlers bescheidenerem Domizil in der Sternwartestraße, erworben hatte.

"Stephi", wie sie bei Schnitzlers bald genannt wurde, gewann dank der allseits bewunderten Anmut, Unbefangenheit und Musikalität die Sympathie des Dichters, und nicht nur seine: Etliche vor allem ältere Verehrer machten der geistsprühenden jungen Frau den Hof. Der Schriftsteller Jakob Wassermann stieg ihr derart hartnäckig nach, dass man es mit heutigen Begriffen geradeaus als Stalking bezeichnen muss.

Stephis Statusverlust

Schnitzler übernahm bei diesem vielfältigen Courschneiden die Rolle des väterlichen Beschützers, aber nicht nur: Dem Tagebuch vertraute er an, wie hingerissen er von Stephis anfangs so heiteren Natur war. Als Freundin seiner Frau Olga, aber auch als Gesprächs- und Musizierpartnerin des Dichters wurde die junge Frau bald ein gern gesehener Gast im Hause Schnitzler.

Was das alles mit dem Untergang der Donaumonarchie zu tun hat? Das wird nur über sehr verstiegene Umwege einsichtig: Der in Wuppertal lehrende Historiker Arne Karsten möchte am Schicksal der Millionärstochter die gesellschaftliche Krise und den tiefen Fall der späten k.u.k. Monarchie aufzeigen. Denn im Oktober 1912 verlor der Spekulant Julius Bachrach nach dem Ausbruch des Balkankriegs an der Börse schlagartig sein Vermögen und beging Selbstmord. Seine Familie blieb mittellos zurück, und Tochter Stephanie litt sehr unter dem Statusverlust in der Wiener Gesellschaft.

Die Schnitzlers versuchten nicht weniges, um sie aufzufangen. Fortan wird Stephi zu etlichen Urlaubsreisen des Ehepaars Schnitzler eingeladen: an die Adria oder nach Venedig. Als der Krieg ausbricht, verdingt sich die junge Frau als Krankenschwester, wird bis nach Lemberg eingesetzt und bewährt sich in äußerst prekären Notsituationen des Kriegs. Aber sie lässt sich auch auf eine maßlos unglückliche Liebesaffäre mit einem verheirateten Oberstabsarzt ein und zerbricht an der wirtschaftlich ungesicherten, gesellschaftlich verpönten Situation. 1917 nimmt sie sich, kurz vor ihrem 30. Geburtstag, mit Veronal das Leben.

Schnitzler, der sich über den Tod Stephis tief betroffen zeigte, widmete sich in der bald entstandenen Erzählung "Flucht in die Finsternis", vor allem aber in der viel bekannteren Novelle "Fräulein Else" dem Schicksal der vom Bankrott des Vaters in ihren Lebenszielen erschütterten Repräsentantin einer absterbenden Epoche. Auch in Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" fand die tragische Lebensgeschichte der Stephanie Bachrach Eingang.

Indes, die Tagebuchnotizen Schnitzlers sind für Arne Karsten vor allem eine Fundgrube eigenwilliger zeitgeschichtlicher Kommentare. Was der Historiker schließlich selber an geschichtlicher Deutung der finalen Abläufe bis zum Zusammenbruch der Monarchie aufbietet, bewegt sich durchweg in den bekannten Bahnen der Historiographie: wachsende Klassen- und Nationalitätenkonflikte, eine konfliktscheue Führungsschwäche des Monarchen und ein Aufkündigen der von den europäischen Großmächten jahrzehntelang aufrechterhaltenen Friedensordnung, in der die Duldung der Donaumonarchie ein fester Bestandteil gewesen war. Der Autor ruft viele Zeitgenossen von damals - Politiker, Diplomaten, Militärs, Schriftsteller, Künstler - in den Zeugenstand, und deren Stimmen ergeben ein anschauliches, wenn auch eher konventionelles Bild eines Epochenuntergangs.

Sachbuch

Der Untergang der Welt von gestern. Wien und die k.u.k. Monarchie 1911-1919

Arne Karsten

Verlag C.H.Beck, München 2019, 272 Seiten, 27,80 Euro