Moskau. In einer Reihe von Ausstellungen beschäftigen sich Künstler aus Österreich und Russland seit dem Wochenende mit den Randbezirken der rasant wachsenden russischen Metropole. "Na Rajone" ("Im (Außen-)Bezirk"), das aktuelle Schwerpunktprojekt des Österreichischen Kulturforums in Moskau, verweist auch auf heikle Vorhaben der lokalen Stadtentwicklung, die für Proteste gesorgt haben.

Nachdem das Österreichische Kulturforum in Moskau vor zwei Jahren auf der Biennale im sibirischen Krasnojarsk die Dorfwelt Russlands behandelte, dreht sich das aktuelle Kunstgroßprojekt der Institution nun um die russische Hauptstadt. Forumsleiter Simon Mraz, der selbst regelmäßig halböffentliche Ausstellungen in seiner Moskauer Privatwohnung in Wurfweite des Kreml ausrichtet, kehrte dabei dem Stadtzentrum und den dort angesiedelten Kunstinstitutionen programmatisch den Rücken: Im Fokus der künstlerischen Beschäftigung stehen die sich sehr dynamisch entwickelnden Randbezirke der 15-Millionen-Einwohner-Metropole, gezeigt werden Ergebnisse an unterschiedlichen Locations außerhalb der Innenstadt und in einem Fall sogar im Umland.

Verhängte Fenster

Künstlerische Recherchen und Interventionen, die in Nachbarschaft von zentrumsfernen Künstlerateliers stattfanden, stehen im Fokus von "In situ" in der Moskauer Fabrika: Die ehemalige Papierfabrik beherbergt seit einiger Zeit auch die Atelier-Stipendiaten des österreichischen Bundeskanzleramtes in Moskau. Darunter war 2019 die Wiener Künstlerin Kirstin Borchert, die fünf Gehminuten von ihrem Atelier ein leerstehendes Haus entdeckte: Borcherts Beschäftigung mit der Geschichte diesen umgebauten Heizhauses, in dem später Kurse für Arbeiter abgehalten wurden, floss in das modernistisches Design eines Stoffmusters ein. Im Fall der Fälle könnten die Fenster des Gebäudes damit würdig verhängt werden.

Konkrete Interventionen in Ateliersnähe erwiesen sich in einigen Fällen als schwierig. So hatte der Moskauer Dima Grin massive Probleme, Hausbewohner von seinem Projekt zu überzeugen, bei dem er in einem konkreten Innenhof Unkraut in Koffer, Schuhe und andere Gegenstände pflanzte. Teile seiner Installation verschwanden innerhalb sehr kurzer Zeit.

Bürokratische Hürden

Als in Moskau völlig unrealisierbar erwies sich der Plan des aus Lienz gebürtigen Hannes Zebedin, der ein zwölf Meter hohes Modell eines konstruktivistischen Radioturms neben einem fünfstöckigen Chruschtschowka-Wohnbau der späten 1950er-Jahre errichten wollte und derart zwei Architekturen unmittelbar vergleichen wollte. Abgesehen von unüberwindbaren bürokratischen Hürden wäre ein derartiges Projekt auch brisant, verweist es doch auf vielfach kritisierte Pläne der Moskauer Stadtregierung, Chruschtschowkas auch gegen den Willen ihrer Bewohner schleifen zu lassen. Dagegen war 2018 wiederholt demonstriert worden.

Als subtile Kritik an der Stadtentwicklung könnte aber auch die Arbeit von Vasilena Gankovska, einer weiteren Stipendiatin aus Österreich, aufgefasst werden: Die Künstlerin bewegte sich in der ganzen Stadt, sie fotografierte und zeichnete jene 40 spätmodernistischen Kinogebäude in Moskauer Außenbezirken, die in den letzten Monaten aus fragwürdigen kommerziellen Interessen allesamt abgerissen wurden und nun durch Shopping-Malls ersetzt werden sollen.

Utopien

Schwierigkeiten mit der Politik hat aber auch der Direktor des einzigartigen Museums für industrielle Kultur am Moskauer Stadtrand. Der pensionierte Fahrzeugtechniker Lew Schelesnjakow hat seit Jahrzehnte buchstäblich alles gesammelt und unkommentiert in eine gigantische Lagerhalle gepackt, die nun einem Parkplatz weichen soll. In dieser Halle, die wie ein Friedhof der materiellen Kultur der Sowjetunion anmutet, hat der Wiener Fotograf Klaus Pichler Fotografien und Videos von "Wo Dinge wohnen" versteckt. Pichlers Kooperation mit dem Wien Museum wurde bereits im Frühjahr in Wien ausgestellt, sie dokumentiert das Phänomen anmietbarer Lagerflächen, das freilich in diesem Moskauer Privatmuseum noch einigermaßen utopisch anmutet.

Keine Utopie ist hingegen die Siedlung Nowo-Molokowo, die der russische Immobilienentwickler und Besitzer der Wiener Kunstmesse "viennacontemporary", Dmitri Aksjonow, seit 2013 auf einer grünen Wiese zehn Kilometer außerhalb der Stadtgrenze errichtet hat. Mittlerweile wohnen knapp 4.000 Familien in Nowo-Molokowo, das sich durch nach lokalen Maßstäben angenehm dimensionierten und lediglich neunstöckigen Hochhäusern auszeichnet.

Gleichzeitig haben die Bewohner jedoch mit permanenten Staus auf der Straße nach Moskau zu kämpfen, die neue Riesenwohnsilos in der Nachbarschaft ausgelöst haben. Gerade vor diesem Hintergrund möchte Aksjonow unmittelbar vor Ort verstärkt kulturelle Angebote schaffen. "Kultur ist jene Kraft, um die sich Gesellschaft konsolidieren wird, und in Zukunft wird das noch wichtiger werden", sagte er bei der Eröffnung einer "Na rajone"-Teilausstellung am Samstagabend.

Workshops mit lokalen Bewohnern

Abgesehen von Künstlerworkshops mit lokalen Bewohnern, deren Ergebnisse im Ausstellungsraum "Odnuschka" ("Einzimmerwohnung") zu sehen sind, haben Künstler aus Österreich und Russland Skulpturen für den öffentlichen Raum entworfen. In der örtlichen Bibliothek kann ab sofort über sechs Projekte abgestimmt werden. Zur Auswahl steht etwa ein riesiges, auch als Amphitheater verwendbares Blatt aus Beton des Oberösterreichers Jakob Jascha Schieche, ein futuristischer Brunnen des Russen Nikita Selesnjow oder eine überdimensionale Wurst und weitere schräge Riesenobjekte des austro-amerikanischen Duos Gabriele Edlbauer und Julia Goodman. (apa)