Was ist eigentlich "Niuvanhova"?

"Österreich" - das ist klar. In der "Ostarrichi"-Urkunde heißt es noch eben "Ostarrichi", in späteren Urkunden wird dann von der "Marcha Austriae", vom "Osterland", der "Mark Österreich", der "Markgrafschaft Österreich" und oft auch von der "Ostmark" die Rede sein, wobei die letztgenannte Bezeichnung durch den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten einen widerwärtigen Beigeschmack bekommen hat.

Aber "Niuvanhova"? Der Ort wäre doch glatt die Wiege Österreichs! Denn Kaiser Otto III. schenkt am 1. November 996 in Bruchsal (im heutigen Baden-Württemberg) mittels dieses Schriftstücks dem Bistum Freising das Land der Gegend um "Niuvanhova", das keine genaue Begrenzung und keine genaue Benennung hat. Im Volksmund freilich, vermerkt der Kaiser, heißt es "Ostarrichi". Womit das heutige Österreich also eine Nation wäre, geschaffen letzten Endes durch die Sprache des Volkes. Wenn das nicht passend ist! Man denke nur an das Karl Kraus zugeschriebene Bonmot: "Was Deutschland und Österreich trennt, ist die gemeinsame Sprache."

Der Draken mit dem "Ostarrichi"-Design (hier im Jahr 2003) steht heute im Museum. - © apa/hbf/Lechner
Der Draken mit dem "Ostarrichi"-Design (hier im Jahr 2003) steht heute im Museum. - © apa/hbf/Lechner

Zuvor, nämlich im Jahr 976, hatte Kaiser Otto II. dem Grafen Luitpold die "Marcha orientalis" übertragen. Luitpold (auch Liutpald und später modernisiert Leopold) war der Stammvater der später Babenberger genannten Dynastie. Wo genau er residierte, ist ungewiss, es dürfte Pöchlarn oder Melk gewesen sein. Damit hat Österreich, genau genommen, Geburtstag und Namenstag: Die faktische Gründung fand im Jahr 976 statt, die Namensgebung 996. Das dritte Schlüsseljahr in der frühen Geschichte Österreichs ist 1156: Am 8. September erhebt Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, auf dem Hoftag in Kreuzhof bei Regensburg das Land zu einem eigenständigen Herzogtum und trennt es von Bayern. Damit beginnt die Geschichte Österreichs als selbständiges Land innerhalb des Heiligen Römischen Reichs.

Der große Aufstieg Österreichs setzte dann 1282 ein, als das Haus Habsburg die Přemysliden ablöste und durch das Privilegium Maius zum Erzherzogtum Österreich machte. Das Schriftstück war zwar eine grandiose Fälschung, die Sonderrechte geltend macht, die von Caesar und Nero gewährt worden sein sollen - doch sie hat ihren Zweck erfüllt und obendrein die Bezeichnung "Erzherzog" eingeführt als einen Herzog in übergeordneter Stellung.

Die Besonderheit der "Ostarrichi"-Urkunde ist die erste schriftliche Nennung Österreichs. Da die Schenkung an einen bayerischen Bischof ging, steht die Geburtsurkunde Österreichs bis heute in bayerischem Besitz. Sie wird heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt. Anlässlich des Nationalfeiertags kommt sie ab 26. Oktober für eine Woche als Leihgabe in das Haus der Geschichte Österreichs. Sie wird damit zum ersten Mal in Wien ausgestellt.

Trotz der beiden anderen Daten, die für die Existenz Österreichs, genau genommen, wesentlicher sind, geht doch von 996 eine besondere Strahlkraft aus. Denn es ist eben auch die Magie des Namens, die eine Nation formt. Nicht von ungefähr wurde anlässlich der Tausend-Jahr-Feiern des Jahres 1996 ein Saab 35 Draken des Österreichischen Bundesheer in den Farben Rot-Weiß-Rot lackiert, und der Schriftzug "Ostarrichi 996" zierte die Oberseite des Flugzeugs. Bis zu ihrer Außerdienststellung 2005 galt diese Maschine bei Flugshows als Aushängeschild für die Republik Österreich. Der Höhenflug der Nation setzt sich freilich über dieses Jahr hinweg weiter fort.

Und "Niuvanhova"? Das ist Neuhofen an der Ybbs, heute ein Ort mit rund 3000 Einwohnern. In ihm steht die Wiege Österreichs.