Der britische Autor und Journalist Douglas Murray ist eine jener Figuren des öffentlichen Diskurses, wie sie in Österreich oder Deutschland kaum existieren: stockkonservativ mit einem gehörigen liberalen Einschlag, also in der herkömmlichen politischen Ordnung klar rechts, aber ohne jeglichen Hautgout des Ewiggestrigen, und bar jenes fundamentalkatholischen Miefs, mit dem dergleichen hierzulande oft verbunden ist. Hauptberuflich ist der Oxford-Absolvent Mitherausgeber des angesehenen Magazins "Spectator", regelmäßig schreibt er im "Guardian", der "Sunday Times" und im "Wall Street Journal".

Auch außerhalb des Vereinigten Königreiches bekannt wurde der Publizist 2017 mit seinem Bestseller "Der Selbstmord Europas". Darin stellte er die These auf, der alte Kontinent stehe an der Schwelle zum kollektiven politischen Suizid, indem er die illegale Zuwanderung von Millionen Muslimen dulde und so europäische Werte wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, von sexuellen Minderheiten oder die Trennung von Staat und Religion gefährde, ja letzten Endes preisgäbe.

Irrationales Verhalten

Das Echo war absehbar: Die einen brieten ihm postwendend die Nazi-Keule über, die anderen jubelten. "Gelegentlich wird etwas veröffentlicht, das den Nebel der Verwirrung, der Verdunkelung und der Unaufrichtigkeit der öffentlichen Debatte durchbricht, um eine zentrale Tatsache über die Welt zu beleuchten. Solch ein Werk ist Douglas Murrays erschütterndes Buch", schrieb die "Times" damals.

Dem Mega-Erfolg des Buches ist wohl geschuldet, dass Murray kaum zwei Jahre später mit einem neuen Text nachlegt: "Wahnsinn der Massen - wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften". Man kann es getrost als Fortsetzungsband verstehen.

Sein Ausgangspunkt wird für viele Leser leicht nachvollziehbar sein: "Wir leben in verrückten Zeiten. (. . .) In der Öffentlichkeit und im privaten Bereich, sowohl online als auch offline, verhalten sich die Menschen zunehmend irrational, fieberhaft, herdenhaft und einfach unangenehm. Der tägliche Nachrichtenzyklus ist mit den Konsequenzen gefüllt. Obwohl wir die Symptome überall sehen, sehen wir nicht die Ursachen."

Die Symptome sind: eine ungute Verengung des politisch zulässigen Diskurs-Korridors durch die Wächter des Politisch-Korrekten; die gelegentlich brutale Diskreditierung abweichender Meinungen, gerade in der aktuellen Klima-Debatte, oder die immer untergriffigere politische Auseinandersetzung, gleich wo in dieser Welt. Gerade der zurückliegende österreichische Wahlkampf kann durchaus auch als Beleg für Murrays These gelten, wonach der Irrsinn um sich greife.

Schon weniger nachvollziehbar wird für viele Leser, gerade in Deutschland und Österreich sein, was der Autor für in diesem Zusammenhang ursächlich hält. Eine Reihe von ursprünglich extrem notwendigen und nützlichen gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen - wie jene für Frauenrechte, Homosexuelle, Nicht-Weiße oder Transgenderpersonen -, so seine Diagnose, habe sich nach dem Erreichen ihrer legitimen Ziele gleichsam verselbstständigt. Anstatt sich zu freuen, dass sie ihre jeweiligen Anliegen erfolgreich erreicht haben, kämpften viele dieser Bewegungen nun weiter um eine Art von Systemwechsel. Im Fadenkreuz: die bürgerliche Gesellschaft, ihre Werte und ihre wesentlichen Akteure, oft ältere weiße Männer.

Das Ende der Drachen

Das Ergebnis der ursprünglich legitimen, aber irgendwann überschießenden Bewegungen sei, so Murray, letzten Endes rückschrittlich. Etwa, wenn Männer bei geschäftlichen Terminen mit Frauen immer auf offene Bürotüren achten, an Unis Shakespeare nicht mehr durchgemacht wird, um Traumatisierungen zu vermeiden, oder Menschen im Kulturbetrieb Jobs verlieren, weil sie sich privat mit einem Wähler einer rechten Partei getroffen haben.

Er macht dafür das "St.-Georgs-Prinzip" verantwortlich: Nachdem der Heilige Georg den Drachen getötet hat, sucht er immer neue Drachen, die freilich immer kleiner werden, bis es keine Drachen mehr gibt. Den verschiedenen Identitäts-Bewegungen hält er die gleiche Psychodynamik vor: Nach Erreichen des Zieles kämpfen sie immer weiter, dann eben gegen "strukturelle Unterdrückung" durch die bürgerliche Gesellschaft.

Murray, und das macht seine Texte allesamt lesenswert, argumentiert immer höflich, empathisch und ohne Schaum vor dem Mund. Sein Stil ist der des britischen Klubs, der Ton stets selbstironisch und leichtfüßig. Auch das gibt es im deutschen Sprachraum leider zu selten.