"In den fünf Jahren seines Pontifikats hat Franziskus keine einzige Reform durchgesetzt." Dieser fett gedruckte Satz auf dem Umschlag lässt sofort erkennen, was der italienische Soziologe Marco Marzano in seinem Buch "Die unbewegliche Kirche - Franziskus und die verhinderte Revolution" aussagen will: Jorge Mario Bergoglio habe die Hoffnungen, die fortschrittliche Katholiken nach seiner Wahl zum Papst im März 2013 in ihn gesetzt haben, enttäuscht. Er habe vielmehr "in den Augen der Sakralbürokraten bestätigt, dass die Entscheidung des Konklaves richtig war, und sämtlichen eher rosigen Aussichten ein Ende bereitet".

Dass sich die Kirche nicht bewegt, liegt laut Marzano an der organisatorischen Trägheit der großen kirchlichen Struktur und am Fehlen einer tiefgreifenden Krise, die eventuell Veränderungen einleiten könnte. Der "der traditionellen katholischen Identität" zugetane Franziskus habe sich "als erstes und größtes Hindernis auf dem Weg zu jeder echten strukturellen Reform der Institution erwiesen".

Im Zentrum Barmherzigkeit

Marzano bekennt schon in der Einleitung, dass Franziskus ihn "nie sonderlich betört hat", gesteht ihm aber politische und spirituelle Wirkung und die Fähigkeit zu guter Kommunikation zu. In vier Punkten vermisst Marzano Ansätze zu echten Neuerungen: "1. die Reform der römischen Kurie; 2. die Änderung der ethischen Normen zum Sexual- und Gefühlsleben; 3. die Abschaffung des Pflichtzölibats für den Klerus; 4. die Änderung
der Situation der Frauen in der Kirche."

Aus Aussagen von Bischof Marcello Samenaro, dem Sekretär des mit einer Kurienreform beauftragten Kardinalsrates, folgert Marzano, "dass der Papst nie wirklich die Absicht gehabt hat, die römische Kurie zu reformieren". Franziskus habe diese Diskussion nur angestoßen, weil es ihm einige der Kardinäle, die ihn gewählt haben, nahegelegt hatten.

Auch eine Änderung moralischer Normen sei Franziskus kein Anliegen, nur das Betonen der Barmherzigkeit Gottes. Die Frauenfrage scheine "ihn nicht sonderlich zu interessieren", die von ihm eingerichtete Kommission zur Frage des Diakonats für Frauen sei mit sehr konservativen Personen besetzt worden.

Eine Lockerung des Zölibats sei aufgrund vieler seiner Aussagen von Franziskus nicht zu erwarten. Der Papst sehe es höchstens als nötig an, über "viri probati" (im Glauben bewährte verheiratete Männer) nachzudenken, die in vom Priestermangel besonders betroffenen Regionen priesterliche Funktionen ausüben könnten.

Marzanos Buch mag die Fortschritte in der Kirche unter Franziskus als gering bewerten, aber glaubt jemand im Ernst, unter Benedikt XVI., der ohne seinen Rücktritt bis heute amtieren würde, wäre die Kirche mehr in Bewegung gekommen? Würden nicht noch immer skandalöse Zustände in der Vatikanbank, umstrittene Bischofsernennungen oder die anhaltende Vertuschung von Missbrauchsfällen Hauptthemen sein?

Gefahren der Spaltung

Auf jeden Fall sind etliche Themen seit Franziskus nicht mehr so tabuisiert wie zuvor. Dass er Fragen wie den Sakramentenempfang wiederverheirateter Geschiedener anging, trug ihm heftigste Kritik ein. Reformen, die den Zölibat oder mehr Verantwortung für Frauen betreffen, sind erst jüngst wieder anlässlich der Amazonien-Synode angestoßen worden.

Das lesenswerte und diskussionswürdige Buch wirft aber nicht nur Franziskus mangelnden Reformwillen vor, sondern erklärt auch schlüssig, warum manche Reformen ohne Kirchenspaltung kaum zu verwirklichen wären. Franziskus mag in seiner "institutionellen Treue" selbst kein Reformer sein - immerhin wirkt er aber offen für Reformen, sollte für solche eine Mehrheit in der Kirche spürbar sein. Genau das ist aber, wie der Soziologe aufzeigt, in vielen Fällen nur in Europa der Fall. Auf anderen Kontinenten, die aufgrund der dortigen Katholikenzahlen immer mehr Bedeutung erhalten, wird meist deutlich konservativer gedacht. Nicht nur die strukturelle Gestalt der Kirche, auch ihre Vielfalt, die einheitliche Positionen erheblich erschwert, macht sie so unbeweglich.