Wer gern Tabu-Zitadellen stürzen sieht, soll zu Bernd Stegemanns polemischem Essay "Die Moralfalle" greifen. Dort erfährt er rund um das Migrationsproblem ungewohnt klare Feststellungen zum fehlgeleiteten Diskurs zwischen rechtsstaatlich orientierten Grenzschützern und moralgeleiteten Verfechtern offener Grenzen.

Ein großes Unbehagen erfasst viele angesichts der unversöhnlichen Gegnerschaften, die insbesondere in den politischen Debatten in Deutschland entstanden sind. Bernd Stegemanns tiefschürfende Kritik daran kommt von links und macht sich vor allem an dem "aggressiven Moralismus" fest, der den Diskursgegner statt mit realpolitischen Erkenntnissen mit dem Totschlagargument mangelnder Tugend aus dem Feld drängt.

Dabei kollidiert der moralische Imperativ der vereinigten Grün-Linken sowohl mit den Warnungen der liberal-konservativen Pragmatiker vor einem unbewältigbaren Migrationszuzug wie mit dem hysterischen Geschrei der Rechtspopulisten vor "Unterwanderung".

Die Gewalt der Moralisten

Wer mit empirischer Evidenz davor warnt, dass eine unkontrollierte Politik offener Grenzen zwar ihren Verfechtern das Labsal eines guten Gewissens, der Gesellschaft aber die Entstehung faschistischer Bewegungen einträgt, wird mit dem Vorwurf der "Menschenfeindlichkeit, des Nationalismus oder gar des Rassismus" mundtot gemacht, wie Stegemann schreibt: "Indem moralische Kommunikation immer mehr den öffentlichen Raum bestimmt, wird sie zur herrschenden Kommunikationsform, bei der die Öffentlichkeit zunehmend wie eine Mischung aus Pranger, Strafgericht und Tugendwächtern agiert. So wird aus dem einschüchternden Auftreten der Moralisten eine reale Gewalt, mit der sie Einfluss auf alle anderen Diskurse nehmen." Diese anderen Diskurse können etwa Angehörige von Minderheiten zu einer Opferrolle verführen, die sie immun gegen Kritik werden lässt.

Bernd Stegemann, Dramaturg und Mitinitiator von Sarah Wagenknechts Sammlungsbewegung "Aufstehen", versteht unter der "Moralfalle" die simplifizierend einseitige Selbstermächtigung durch Gesinnungsethik. Sie untergräbt die komplizierteren Einsichten einer Verantwortungsethik, die die Allgemeinheit ins Blickfeld zu rücken weiß und nicht bloß einen Teil davon. Traurig, dass es diese Belehrung überhaupt braucht.