Zwei Päpste zur selben Zeit: Jonathan Pryce als amtierender Papst Franziskus (l.) und Anthony Hopkins als zurückgetretener Papst Benedikt (r.). - © Peter Mountain/Netflix
Zwei Päpste zur selben Zeit: Jonathan Pryce als amtierender Papst Franziskus (l.) und Anthony Hopkins als zurückgetretener Papst Benedikt (r.). - © Peter Mountain/Netflix

Anthony McCarten analysiert ein Jahrtausendereignis. Der Bestsellerautor aus Neuseeland, der bislang mit Romanen, Theaterstücken und Drehbüchern Furore machte, hat mit "Die zwei Päpste" eine fulminante Doppelbiografie der beiden Päpste Benedikt XVI. und Franziskus geschrieben. Es ist ein wahres Drama, das zwei Heilige Väter bei ihrem Versuch zeigt, die rasant sich verändernde Kirche zusammenzuhalten. Das Doppelporträt eines ungleichen Paares ist selbst für kirchenferne Leser spannend. Denn der 58-jährige Autor setzt beide in ein dialektisches Verhältnis und ist zudem ein Filmprofi, der in starken Bildern denkt. Für sein Drehbuch zum Kinohit "Die Entdeckung der Unendlichkeit", ein Biopic über das außergewöhnliche Leben des Astrophysikers Stephen Hawking, wurde er für den Oscar nominiert. Mit Anthony Hopkins als Papst Benedikt verfilmte jetzt der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles sein Werk.

"Wiener Zeitung": Über die Gründe für die unerwartete Entscheidung von Papst Benedikt XVI. wurde viel spekuliert. Es gibt anhaltende Gerüchte, dass sein Rücktritt keine freie Entscheidung war. Was glauben Sie?

Anthony McCarten: Die vollständigen Gründe für seinen Rücktritt werden wir wohl nie erfahren. Aber mich überzeugte Benedikts eigene öffentliche Erklärung nicht, dass er körperlich nicht mehr stark genug sei, um seine Pflichten zu erfüllen. Das ist für mich kein ausreichender Grund, um als Papst zurückzutreten. Schließlich geht es in der Berufsbeschreibung darum, am Arbeitsplatz zu sterben und tatsächlich die Personifikation des gekreuzigten Christus zu sein. Da Christus nicht von seinem Kreuz herabgestiegen ist, treten die Päpste nicht zurück. Mein Gefühl ist, dass die Besonderheiten des Missbrauchsskandals und seine historischen Fehler im Umgang damit sehr stark zu seiner Entscheidung beigetragen haben, das Undenkbare zu tun - zurückzutreten. Das Noble an seinem Rücktritt ist, dass Benedikt damit die Möglichkeit für Wandel und Reformen schuf.

Anthony McCarten analysiert das Zusammenspiel zweier Päpste. - © privat
Anthony McCarten analysiert das Zusammenspiel zweier Päpste. - © privat

Haben also die Enthüllungen über die zweifelhaften Verbindungen der katholischen Kirche zur Mafia, die intransparenten Geldgeschäfte und die Debatten über die skandalöse Vertuschung des sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Würdenträger den Vatikan so sehr erschüttert, dass der Rücktritt Benedikts eine weise Entscheidung war, die seinem Nachfolger den Spielraum gab, den er selbst nicht hatte?

Die Realität hat die Kirche dankenswerterweise endlich eingeholt. Sie kann jetzt nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen agieren. Sie muss nun eine neue Transparenz beweisen, wenn sie jemals ihre moralische Autorität wiederherstellen will. Meiner Meinung nach muss sie dafür drei Dinge tun: Ohne Verzögerung konsequent alle kriminellen Handlungen ihrer Geistlichen offenlegen und gleichzeitig sicherstellen, dass deren Tun rechtliche Konsequenzen hat. Und diese Wunde kann nur durch Wiedergutmachung an den Opfern heilen. Papst Franziskus hat jetzt von einer Null-Toleranz-Politik für Sexualstraftaten durch die Geistlichen gesprochen. Die Berichte über neue Straftaten sind bereits weniger geworden, sodass sich vielleicht endlich ein wirklicher Wandel abzeichnet.