Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein eher trockenes Sachbuch von den Rezensenten so unterschiedlich beurteilt wird wie dieses. "Hut ab für diese Recherche! Gelungen ist Julia Ebner ein enorm faktenreiches Buch mit sehr hohem Erkenntnisgewinn. Außerdem ist es exzellent geschrieben: Sehr sachlich, distanziert, manchmal schwingt ein cooler, abgebrühter Unterton mit", lobte ein Kritiker der deutschen ARD; die "Zeit" hingegen befand, dies sei "ein Buch von 334 Seiten, in dem nichts steht". Und findet es "ähnlich schlicht wie ein Tom-Clancy-Roman, aber da gibt’s wenigstens U-Boote". Das sitzt.

Der dermaßen polarisierende Text stammt von der 28-jährigen Extremismus-Forscherin Julia Ebner und ist unter dem Titel "Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren" jüngst im Verlag Suhrkamp erschienen.

Werkzeuge für Ewiggestrige

Die großen Radikalisierungsmaschinen sind für die Autorin das Internet und insbesondere die Sozialen, in der Wirklichkeit gelegentlich leicht asozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram, Telegraph und einige andere mehr. Wir werden, schreibt sie, "Zeugen einer toxischen Paarung aus ideologischer Vergangenheitssehnsucht und technologischem Futurismus, die möglicherweise der Politik des 21. Jahrhunderts die Richtung weist. Die Radikalisierungsmaschinen, die die Extremisten zusammenbauen, sind technisch auf dem neuesten Stand. Sie sind künstlich intelligent, emotional manipulativ und wirken mit Macht in die Gesellschaft hinein." In äußerster Konsequenz, fürchtet Ebner, könnten sie nicht nur die "Erscheinungsformen von Terrorismus und Extremismus verändern", sondern schließlich "unsere größten bürgerrechtlichen Eigenschaften rückgängig machen".

"Ideologische Vergangenheitssehnsucht" ortet sie vor allem bei zwei sonst recht unterschiedlichen Gruppierungen: einerseits den radikalen Muslimen und andererseits rechtsextremen und neonazistischen Formationen, die sich beide in besonderem Ausmaß und teils erschreckend erfolgreich der digitalen "Radikalisierungsmaschinen" bedienen.

Um besser zu verstehen, wie die Technologie des 21. Jahrhunderts den Ewiggestrigen aller Geschmacksrichtungen als Werkzeug dient, hat sich die Autorin eine ganze Reihe digitaler Schein-Existenzen aufgebaut und konnte sich so undercover sowohl in islamistischen wie auch rechtsradikalen Milieus herumtreiben; großteils virtuell, aber gelegentlich auch in der wirklichen Welt, etwa bei konspirativen Treffen der "Identitären", in die sie sich mit falschem Namen, Perücke und dunklen Sonnenbrillen eingeschlichen hat. Was übrigens beinahe aufflog, als ihr einmal die Kreditkarte mit ihrem richtigen Namen zu Boden fiel und von einem höflichen Identitären aufgehoben wurde.

Aufschlussreich ist dabei ihre Beschreibung jener Mechanismen, die Treiber der Radikalisierungsmaschinen sind und sich nicht wesentlich von jenen unterscheiden, die Gaming, Dating-Seiten oder Chatgruppen im Internet erfolgreich machen: ein spielerischer Zugang mit Belohnung und Bestrafung, das Herstellen emotionaler Bindungen zwischen den handelnden Personen und die globale Vernetzung. Das liest sich gelegentlich heiter, wenn Ebner von radikal antifeministischen Zirkeln im Umfeld Rechtsradikaler berichtet, in denen Frauen vom "Zurück an den Herd" schwärmen; weniger heiter, wenn sie beschreibt, wie islamistische Frauengruppen Beihilfe zum Terror organisieren.

Wer sich mit den Begrifflichkeiten und der Sprache der digitalen Welt nicht auskennt, wird sich bei der Lektüre des doch recht nerdig formulierten Textes nicht ganz leichttun; und vieles ist doch zu monokausal argumentiert. Den Aufstieg der AfD hauptsächlich mit digitalen Troll-Netzwerken zu erklären, greift schon recht kurz. Kann man lesen, muss man aber letztlich nicht unbedingt.