Ausprobieren statt Abstand halten, begreifen satt betrachten: Das Zoom ist kein alltägliches Museum. Seit 25 Jahren richtet sich das Haus im Museumsquartier an ein ganz junges Publikum - von Krabbelkindern bis Volksschülern. Elisabeth Menasse leitet das Zoom seit 2003, Ende November übergibt sie das Haus an Andrea Zsutty. Ein Gespräch über digitalisierte Kinderzimmer, alte und neue Sprachbarrieren sowie das enge Korsett von zu viel Förderung.

"Wiener Zeitung": Das Zoom ist 25: Wie hat sich das Kindermuseum in diesem Vierteljahrhundert verändert?

Elisabeth Menasse: In diesen 25 Jahren hat sich die Welt verändert! Digitalisierung ist bis in die Kinderzimmer vorgedrungen, zunehmende Migration hat dazu geführt, dass das Bild der Kinder von der Welt viel weniger homogen ist. Die Themen Klima und Umwelt sind virulenter geworden. Wir haben ein weniger homogenes Publikum als noch vor zehn Jahren. Das hat viel, aber nicht nur, mit den jüngsten Fluchtbewegungen zu tun. Vor allem bei Volksschülern beobachten wir, dass manche Kinder unseren Ausstellungen und Workshop-Anleitungen nicht folgen können. Auf der andren Seite gibt es diese unglaublich geförderten Kinder, die enorm viel wissen und sehr selbstbewusst sind. Dieser Kontrast hat sich verschärft.

Im Atelier können Kinder derzeit mit Licht Bilder gestalten. Grundlage des Projektes ist die Arbeit mit fotografischen Techniken. - © Zoom Kindermuseum
Im Atelier können Kinder derzeit mit Licht Bilder gestalten. Grundlage des Projektes ist die Arbeit mit fotografischen Techniken. - © Zoom Kindermuseum

Welche Faktoren jenseits von Migration spielen Sie damit an?

Dass die Unterschiede zwischen einzelnen Kindern, was Sprache und Wissenstand betrifft, enorm gewachsen sind, liegt auch am stark gestiegenen Medienkonsum und der abnehmenden Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Eine neue sprachwissenschaftliche Studie legt nahe, dass Kinder mit den größten Sprachdefiziten nicht aus Zuwandererfamilien stammen. Das sind Kinder aus der österreichischen Unterschicht. Da sitzen die Kinder vor dem Fernseher, die Eltern daneben vielleicht vor dem Tablet. Es wird nicht mehr geredet. Da geht Sprachkompetenz verloren.

Elisabeth Menasse ist Historikerin mit Schwerpunkt gesellschaftspolitische Forschung. Seit 2003 leitet sie das Zoom Kindermuseum in Wien.  - © Zoom/J.J.Kucek
Elisabeth Menasse ist Historikerin mit Schwerpunkt gesellschaftspolitische Forschung. Seit 2003 leitet sie das Zoom Kindermuseum in Wien.  - © Zoom/J.J.Kucek

Wie nehmen diese jungen Medienkonsumenten das interaktive Zoom an?

Eigentlich ganz gut, weil es so spielerisch ist. Das spricht jedes Kind an. Wir wollen Defizite, die durch die Digitalisierung entstehen, auch etwas ausgleichen. Ein Museum ist ja ein Ort, der die Sinne anregt. Man geht ja nicht zum Wischen ins Museum, sondern um echte Objekte zu sehen, eine starke sinnliche Wahrnehmung zu haben. Wenn Kinder die Wahl zwischen Rutsche und Tablet haben, werden sie zur Rutsche gehen. Immer. Kinder finden es spannender, den Körper zu involvieren, sich zu spüren. Das Tablet kennen sie sowieso von zuhause. Das ist ja das Gute, dass Kinder nicht so kopfig sind, sinnliche Eindrücke gerne haben. Kinder sollen Dinge im wörtlichsten Sinne begreifen. Kinder sind an sich Menschen, die sich die Welt mit allen Sinnen aneignen mit unglaublicher Neugierde. Kinder lernen durch Spielen. Sie tun etwas und eignen sich die Welt an.