Lehár, Salz und über allem der Kaiser - das ist Bad Ischl im Begriff der Österreicher. Im Ausland fällt nur das Salz weg. Und tatsächlich begegnet man im Sommer, wenn Ischl Saison hat, ihm und seiner Sisi. Natürlich nicht persönlich, das käme rund 100 Jahre zu spät. Aber Verkleidete sind als Franz Josephs und Sisis unterwegs und geben den Touristen ein Gefühl von kaiserlicher Kurstadt.

"Salzkammergut 2024" hat sich als erste inneralpine Region um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt beworben und sich gegen die österreichischen Mitbewerber St. Pölten und Dornbirn durchgesetzt.

Bad Ischl ist heute Kurort und war die Sommerresidenz von Kaiser Franz Josef und Sisi. Als solche entwickelte sie ein besonderes Flair.

Oder war es umgekehrt und der Kaiser wählte Ischl wegen des Flairs?

Wie dem auch sei: Der Reiz Bad Ischls zog nicht nur die Majestät an, sondern auch Künstler, etwa den Operetten-Titanen Franz Lehár, dessen noch heute mit Sommerfestspielen gedacht wird.

Die Stadt der Operette

In die mischen sich freilich auch andere Komponisten der sogenannten silbernen Zeit der Operette ein - was gegenüber der goldenen eines Johann Strauß Sohn kein Werturteil ist, sondern eine stilistische Klassifizierung: Da ist der Luxus und die Lebensfreude schon gebrochen von einer gewissen Melancholie, vielleicht gar von der Vorahnung, dass es der letzte Höhepunkt einer glanzvollen Zeit sein und bald die rauschhafte Beschwörung dieses Vielvölker-Österreich unter einem gottgewollten Kaiser an der Realität zerbrechen könnte.

Schon der Walzerkönig und "Fledermaus"-Komponist Johann Strauss Sohn besaß eine Villa in Ischl und auch sein Komponisten-Kollege Carl Michael Ziehrer war zeitweise Wahl-Ischler. Zur Zeit Lehárs ließen sich auch die bedeutenden Operetten-Komponisten Emmerich Kálmán und Oscar Straus dort nieder, später ihr Kollege Robert Stolz.

Zuvor hatten Anton Bruckner und sein Gegner Johannes Brahms nur in zwei Punkten übereingestimmt, nämlich, dass ihre Leibspeise Geselchtes, Kraut und Knödel und dass Bad Ischl die richtige Sommerfrische für sie sei.

Auch der Autor Leo Perutz, der stilistisch überragende Vertreter der deutschsprachigen Phantastik, lebte zeitweise in Bad Ischl und ist hier auch begraben. Hilde Spiel, Franz Grillparzer, Johann Nestroy, Adalbert Stifter - alle kamen sie nach Bad Ischl, gewiss auch der Badkuren wegen. Aber es ging wohl auch um den Ort selbst. Man kam, um zu sehen und man kam, um gesehen zu werden.

Heute hat Bad Ischl etwa 14.000 Einwohner, die gelernt haben, mit der speziell im Sommer florierenden Sisi-, Kaiser- und Alte-Zeit-Romantik umzugehen und Touristenströme in die Stadt zu leiten.

Diese frühere Ischler Blütezeit, die etwa von 1849 bis 1914 dauerte, prägt das Stadtbild bis heute mit Gebäuden und Denkmälern, die den Charme Altösterreichs ausstrahlen. Das schlägt sich auch in Bräuchen nieder wie dem Glöcklerlauf und dem Liachtbratlmontag: An diesem Tag wird der erste Tag gefeirt, ab dem im Herbst erstmals wieder künstliches Licht für die Arbeit herangezogen wird. Der Liachtbratlmontag ist ein lokaler Feiertag und seit 2011 als Teil des Immateriellen Kulturerbes Österreichs im Nationalen Verzeichnis der UNESCO festgeschrieben. Obendrein wird jährlich am 18. August wird des Geburtstags von Kaiser Franz Joseph gedacht.

Doch dieses Ischl-Aroma unterscheidet sich vom Alltags-Ischl seiner Einwohner. Denn obwohl der Tourismus floriert, befindet sich die traditionell rote Arbeiterstadt im Bezirk Gmunden in einer Region, die auch mit Problemen zu kämpfen hat: Abwanderung, fehlende Arbeitsplätze und Bildungsangebote gehören zu den zentralen Herausforderungen des Salzkammerguts. Dies ist auch im Bewerbungskonzept für die europäische Kulturhauptstadt thematisiert worden.

Neue Zeiten

Der Ischler Bürgermeister Hannes Heide (SPÖ) will dementsprechend das traditionsbezogene Stadtbild erweitern. Deshalb lässt er ein Kulturleitbild des 21. Jahrhunderts entwickeln und war einer der ersten, der sich für eine Bewerbung seiner Stadt samt Region für die Europäische Kulturhauptstadt 2024 ausgesprochen hat.

Doch nicht nur Kultur prägt Ischl und die Region, sondern auch das Salz und dessen Abbau in den Bergwerken. Heute liefert die Salinen AG, Österreichs einziger Salzhersteller mit Sitz im benachbarten Ebensee, pro Jahr rund 1,1 Millionen Tonnen Salz aus. Die Sole kommt aus dem Bergbau in Altaussee, Hallstatt und Bad Ischl. Bekannteste Produkt ist das Bad Ischler Speisesalz.

Aber es wäre nicht Bad Ischl, würde nicht auch daraus nostalgische Kultur werden: Die Fernsehserie "Der Salzbaron" von Hellmut Andics (Idee) und Bernd Fischerauer (Buch und Regie) verpackt die Abgründe des zu Ende gehenden Kaiserreichs in eine Familiengeschichte, die, wo besser könnte es sein, in Bad Ischl angesiedelt ist, als wäre der Ort der Schmelztiegel für das alte Österreich, aus dem das neue hervorgehen wird.