Die Mythen sind wieder da! Die Spielpläne von Theatern und Opernhäusern sprechen beredt davon und auch die Kinoprogramme. Mythen überall.

Im Burgtheater "Bakchen", "Edda", Faust in zweierlei Gestalt (Goethe und Bulgakow), dazu die "Hermannsschlacht" (hinter der sich die längst mythisch überhöhte Schlacht im Teutoburger Wald verbirgt), im Volkstheater "Faust" und "Peer Gynt", "Prometheus" in Linz, in Graz Shakespeares mythenlastigstes Stück, der "Macbeth". In den Kinos treiben sich Superhelden, Saurier und Urzeithaie um, die Opernhäuser kommen sowieso ohne Mythen nicht aus, weil ja von Monteverdis "Orfeo" über Richard Wagners Gesamtwerk (außer dem ohnedies ungespielten "Liebesverbot" und den "Meistersingern"), Richard Strauss, Orff (so sich einer an "Antigonae", "Oedipus" und "Prometheus" wagt, aber im Grunde sind auch "Mond", "Kluge" und "Bernauerin" mythisch behandelt) bis herauf zu Hans Werner Henze, dessen "Bassariden" bemerkenswert oft auf die Spielpläne geraten - weil also das alles Mythen sind oder an Mythen anschließen.

Sinnstiftende Erzählung

Und dann wären da noch Trump, die EU und der Brexit. Ja, auch das hat mit Mythen zu tun, und keineswegs nur im Sinn einer Flunkerei, so, wie man sagt, man halte etwas für einen Mythos oder für ein Märchen.

Aber Vorsicht! - Mythen sind keine Märchen und Märchen sind keine Mythen. Das Märchen ist meist frei erfunden, mündlich überliefert und drückt oft seelische Vorgänge in Form von Geschichten aus.

Mythos bedeutet im Altgriechischen "Rede", "Erzählung". Während die schriftliche Aufzeichnung der Märchen erst im 19. Jahrhundert einsetzt, als die mündliche Tradition allmählich verloren geht, werden Mythen in der Regel schon seit der Antike in Form von Epen und Dramen festgehalten. Mythen sind sinnstiftende Erzählungen, auch Überhöhungen, und sie können fortgesponnen werden. Beispielsweise sind aus der "Ilias" sowohl die "Odyssee" als auch die "Aeneis" hervorgegangen. Mythen im Sinn identitätsstiftender überhöhender Erzählungen sind auch religiöse Schriften wie Bibel, Koran, Edda oder Mahabharata.

Nun könnte man in unserer Gegenwart die Mythen in das Reich von Religion und mehr oder minder gehobene Unterhaltung verweisen und den Alltag an der ohnedies zunehmenden Profanisierung ausrichten. Nur ist das weniger einfach, als man annimmt. Denn unsere Gegenwart ist von Mythen durchdrungen - nur ohne, dass man in der Regel den Mythos als solchen erkennt.