Freilich geht es dabei längst nicht mehr um den König Oedipus, der im ersten Psychothriller der Menschheit sich selbst als Mörder zur Strecke bringt, und es dreht sich auch nicht mehr um einen göttlichen Schwerenöter, der sich in einen Schwan verwandelt, oder um eine Frau, die vom Begehren nach einem Stier überwältigt wird, was in beiden Fällen nachweislich zur Sodomie führt, denn Leda legt Eier und Pasiphaë gebiert einen Menschen mit Stierkopf. (Das grimmige Lachen der Griechen ob solcher Schauergrotesken müsste noch heute in unseren Ohren gellen.)

Doch unsere Gegenwart ist nicht weniger bestimmt von sinngebenden Geschichten - auch wenn deren Sinnstiftung bisweilen nur eine vermeintliche ist. Fast könnte man sagen: Ohne Geschichten geht gar nichts, und die bessere Geschichte gewinnt immer.

"Make America great again": ein Mythos der Gegenwart in vier Wörtern. Das Wiedererstarken einer Nation in einer gemeinsamen Anstrengung, die ein glorreicher Anführer vorgibt - dem hatten Donald Trumps Gegner nichts entgegenzusetzen.

Brexit-Mythen

Auch der Brexit basiert auf einem Konglomerat von Mythen. Nigel Farage und Boris Johnson spielten virtuos auf der Klaviatur "My home is my castle": Das British Empire von anno dazumal würde wiedererstehen, Großbritannien, das sich spanischen und vor allem französischen Gelüsten entgegengestemmt und sich unter Missachtung gravierender eigener Nachteile als erste Nation dem nationalsozialistischen Deutschland den Krieg erklärt hat. Es bedarf keiner Königin Elizabeth I., keines Nelson und keines Churchill, unter den veränderten Bedingungen in Wirtschaft und Politik braucht es eine Elizabeth II. und eines Boris Johnson. Johnson, der kluge Altertumswissenschafter, der selbst mit Mary Beard, der Koryphäe der Disziplin, trefflich zu debattieren vermochte, ohne dabei unterzugehen, wusste wohl um die Wirkung des Mythos.

Dafür ist diese Kenntnis auf der Seite gegenüber fast völlig verloren gegangen: Die EU schafft seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, keine sinnstiftende Erzählung mehr für ihre Gegenwart. Das widerspricht nicht der Sinnhaftigkeit der EU. Nur die überhöhende Geschichte fehlt. Der Rückgriff auf das "Friedensprojekt" verfängt längst nicht mehr, einerseits, weil die Abwesenheit von zwischenstaatlichen Konflikten, die mit Waffengewalt ausgetragen werden, nicht automatisch Frieden bedeutet, andererseits, weil ein eingefrorener Mythos ein Widerspruch ist: Mythen bedürfen der Weitererzählung - und sie bedürfen auch leuchtender Gestalten.

Beinahe hätte Angela Merkel diese Rolle eingenommen, beinahe hätte sich die EU durch die Aufnahme der Flüchtlinge einen neuen Mythos gegeben. Doch letzten Endes ist dieser im Entstehen begriffene Mythos an seinem eigenen Inhalt zerbrochen.

Keine Chance ohne Erzählung

An seiner Stelle entsteht gerade ein anderer Mythos: Greta Thunberg wird glänzend inszeniert als die Prophetin der Klimabewegung. Auch hier gilt wieder: Die bessere Geschichte gewinnt. Da können Greta-Thunberg-Gegner noch so nachdrücklich darauf hinweisen, dass die Atlantiküberquerung auf einem mehrere Millionen teuren Kunststoffrumpf-Segler, der teilweise im Besitz Pierre Casiraghis aus der monegassischen Fürstenfamilie ist, völlig abgehoben von allem ist, was dem normalen Klimaschützer für einen Trip in die USA zur Verfügung steht: Die junge Schwedin hat einfach die bessere Geschichte auf ihrer Seite. Und der Klimaschutz ist auf dem besten Weg, zum Mythos, wenn nicht gar zur neuen Religion zu werden, wie der dezidiert atheistische deutsche Autor Philipp Möller befürchtet.

Sogar viele der Verschwörungstheorien sind, genau genommen, korrumpierte Mythen, nämlich nicht sinn-, sondern unsinnstiftende Erzählungen nur vermeintlicher Zusammenhänge.

Tatsächlich: Mythen überall. Bleibt nur die Frage, ob unsere Zeit so groß ist, sich in diesen Mythen zu spiegeln, oder so klein, um sich durch diese Mythen erhöhen zu müssen.