Unterschiedliche Motivation

Was antreibt, ist dabei für jeden Hobby-Genealogen etwas anderes. "Eine meiner Motivationen war, dass ich das Schuldgefühl aufarbeiten wollte, das meine Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg hatten", sagt Schober-Bendixen. "Mein Großvater hat sich immer vorgeworfen, dass er seinen jüdischen Schwager nicht davon abgehalten hat, während des Zweiten Weltkriegs nach Wien zurückzukehren. Dieses Gefühl wollte ich für meine Kinder und Enkel beenden."

Tatsächlich sind Traumata innerhalb der Verwandtschaft, Ungewissheiten und gerade auch die oft innerhalb der Familien totgeschwiegene oder nur karg besprochene Zeit während des Zweiten Weltkriegs für viele Teilnehmende der Genealogenstammtische von Strenn treibende Kraft, sich intensiver mit der Geschichte der eigenen Familie auseinanderzusetzen. "Geschichten und Geschichte sind zwei Dimensionen", sagt Strenn. "Auf der einen Seite hat man die gefilterte Familienüberlieferung, auf der anderen Seite will man ihren Wahrheitsgehalt erforschen."

Systematisch vorgehen

So emotional das oft auch sein mag, so wichtig ist laut Strenn dabei ein systematisches Vorgehen. Man hangelt sich von Generation zu Generation zurück, durchforstet am besten abwechselnd Sterbeurkunden, Trauscheine und Geburtsurkunden und hält das Ganze immer wieder grafisch fest, um den Überblick nicht zu verlieren. Wichtigste Quelle dafür sind die sogenannten Matrikenbücher, die jede römisch-katholische Pfarre seit dem Konzil von Trient führen musste.

Später betraf das alle Religionsgemeinschaften: "Seit 1784 wurden Geistliche unter Joseph II. durch ein kaiserliches Patent offiziell verpflichtet, die Matriken zu führen. Sie wurden dadurch auch zu staatlichen Aufzeichnungen", sagt Strenn. Für den Fall, dass man keiner Religion angehörte oder mit jemandem anderen Glaubens verheiratet war, gab es Zivilmatriken, in Wien etwa ab 1867. Ab 1939 übernahmen das zur Gänze die Standesämter.

Datenbanken durchforsten

Diese Matriken aufzutreiben und zu durchforsten, ist natürlich eine enorm zeitaufwendige Angelegenheit. Wo ist welcher Angehörige geboren? Wo hat er geheiratet, wo liegt er begraben? Glücklicherweise führt das Internet auch da zusammen, was online verfügbar ist. Die genealogische Datenbank hat fast 45.000 registrierte Benutzer; auf der Plattform Matricula, die der Verein Icarus als Gemeinschaftsprojekt mit anderen Unterstützern betreibt, sind zahlreiche Matrikenbücher aus Österreich, Bosnien und Herzegowina, Deutschland, Luxemburg und Serbien online einsehbar.