Unangenehme Fakten

Je tiefer man in die Familiengeschichte eintaucht, desto größer ist aber auch die Wahrscheinlichkeit, Unangenehmes, ja vielleicht sogar Verstörendes zu erfahren. Grund zum Aufhören ist das laut Strenn aber für die wenigsten – immerhin stelle man ja insgeheim gerade deshalb diese Forschungen an. Auch Susanne Schober-Bendixen ist in ihrer Recherche immer wieder auf tragische Schicksale ihrer jüdischen Verwandten gestoßen. "Es macht einem das Ausmaß der Shoa deutlich, wenn man einen Viktor Engels sucht, der aus Brünn deportiert wurde, und ihn ohne Geburtsdatum nicht eindeutig identifizieren kann, weil es so viele Viktor Engels gab, die dieses Schicksal in Brünn ereilt hat."

Besonders aufwühlend war dabei das Durchforsten der nationalsozialistischen Dokumente, die das Grauen in aller Nüchternheit vor Augen führen. In einem Arisierungsdokument, das Schober-Bendixen gefunden hat, ist etwa festgehalten, dass die Firma ihres jüdischen Großonkels an einen Arier geht und der zynischer Weise als Verkäufer Bezeichnete keine Rechte geltend machen kann, weil er Jude ist. Eine Woche, nachdem er den Vertrag unterzeichnet hatte, ist er deportiert worden.

Immer weitermachen

Auf dem Weg zurück bis ins 18. Jahrhundert hat sich Schober-Bendixen aber nicht nur mit dem Tod ihrer Verwandten beschäftigt, sondern auch mit deren Leben. Über persönliche Briefe und alte Zeitungsartikel hat sie etwa erfahren, wer bei Ausspeisungen mitgeholfen, wer wem einen Christbaum gespendet hat, oder dass eine Tochter eines Verwandten dem Kaiser einen Blumenstrauß überreicht hat.

Dieser sozialhistorische Kontext gab ihrer Suche die nötige Substanz, den Daten, die sie gefunden hatte, die dazugehörigen Gesichter. "Sie sind für mich dadurch lebendig geworden", sagt sie und erzählt, dass sie oft bei längst verstorbenen Verwandten auf Parallelen zu ihrem eigenen Leben gestoßen ist, die sie bei so großem zeitlichen Abstand nie vermutet hätte. Potenzial zum Hineinkippen hat die Ahnenforschung für sie definitiv. Deshalb ist nach ihrem Buch auch noch lange nicht Schluss. Aktuell recherchiert sie etwa die Geschichte des nicht-jüdischen Teils ihrer Familie und macht auch in der Gegenwart immer wieder entfernte Verwandte ausfindig.