Der deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer macht sich seit vielen Jahren Gedanken über ein Thema, das heute vor allem junge Feministinnen beschäftigt: Machokultur - und erklärt, warum diese sogar das Überleben der Menschheit gefährdet.

"Wiener Zeitung": Die Dominanz der Männer beschäftigt Sie seit Jahren. Warum?

Christian Pfeiffer: Es ist ein Uralt-Thema, was zwingend jeden Kriminologen interessieren muss, weil Männer deutlich aggressiver sind und auch Emanzipation daran nichts ändert. 95 Prozent der Gefängnisinsassen sind Männer. Wenn zwei Polizisten einen Einsatz wegen häuslicher Gewalt haben, dann ist ihr Risiko, schwer verletzt zu werden, um ein Viertel höher als bei einem Team aus Mann und Frau. Frauen suchen nach Lösungen, die nicht den Einsatz von Gewalt beinhalten.

Christian Pfeiffer (75) war mehr als 20 Jahre Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens (KFM) und von 2000 bis 2003 Justizminister für die SPD in Niedersachsen. Er ist einer der bekanntesten Kriminologen Deutschlands.
Christian Pfeiffer (75) war mehr als 20 Jahre Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens (KFM) und von 2000 bis 2003 Justizminister für die SPD in Niedersachsen. Er ist einer der bekanntesten Kriminologen Deutschlands.

Der Auslöser für Ihr Interesse an diesem Thema war ein Zufall . . .

In meinem Rotary Club gab es nur Männer und eine Grundregel lautete, dass der jeweilige Landesbischof Ehrenmitglied ist und die erste Rede im Jahr hält. Auf einmal drohte eine Frau, Bischöfin zu werden, Margot Käßmann. Der Vorstand versuchte mit Tricks, das zu vermeiden. Da habe ich mich auf die Satzung berufen und verlangt, dass man abstimmt. Ich habe damals schon über Machokulturen geforscht und dann im Club einen Vortrag gehalten. Zu meiner Überraschung hat die Mehrheit darauf positiv reagiert.

Sie schreiben, dass die Dominanz der Männer das Überleben der Menschheit gefährdet. Wie bedrohlich sind Machotypen wie Trump oder Bolsonaro?

Sehr, weil dieser Typus wird ja nicht weniger in der Politik. Wir haben eine Erstarkung des Nationalismus in Europa, wenn wir uns anschauen, wer jetzt in Tschechien, Polen oder Ungarn regiert. Man kann ja nicht behaupten, die Merkels dieser Welt hätten sich durchgesetzt. Ich bin überzeugt, dass die Menschheit bedroht ist aufgrund der höheren Gefährlichkeit von Vernichtungswaffen, der Gefahren des Klimawandels, den diese Typen gerne leugnen, oder der Überbevölkerung. Das weibliche Element wird gebraucht, da es stärker den Gedanken hat, Natur zu schützen und zu bewahren.

Ist Feminismus die neue Überlebensstrategie?

Ja, keine Frage. Unsere zentralen Probleme wären gelöst, wenn wir Frauen gleich behandeln würden wie Männer. Ein Beispiel: Wenn Frauen Zugang zu Bildung haben, dann gehen Geburten von alleine zurück. In den Ländern Afrikas, wo Männer dominieren und Mädchen nicht die weiterführende Schule besuchen dürfen, zählen wir 5,3 Kinder pro Frau. Dort, wo Bildung an Mädchen herangetragen wird, reduziert sich die Kinderzahl drastisch. Der Gebrauch von Verhütungsmitteln steigt von 15 auf 60 Prozent.