Welches ist der Hase mit den Bernsteinaugen?" - Selten ist der Aufseher so oft nach einem einzelnen Objekt gefragt worden. Er zeigt dem Besucher die gerade einmal daumengroße Elfenbeinschnitzerei, wendet sich um - und schon fragt ihn eine junge Frau, diesmal in Englisch, welches denn der Hase mit den Bernsteinaugen sei.

Die Netsukes sind der einzige Besitz aus der Vorkriegszeit, den die Familie Ephrussi nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten zurückbekommen hat. - © Wulz/Jüdisches Museum
Die Netsukes sind der einzige Besitz aus der Vorkriegszeit, den die Familie Ephrussi nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten zurückbekommen hat. - © Wulz/Jüdisches Museum

Edmund de Waals Geschichte der Familie Ephrussi war und ist ein weltweiter Bestseller. "Der Hase mit den Bernsteinaugen" ist eines der Bücher, die man gelesen haben muss - nicht nur, um die Geschichte einer Familie zu verstehen, welcher der Nationalsozialismus tiefe Wunden geschlagen hat, sondern auch, um die Leidenschaft des Sammelns zu verstehen und Objekte im Licht einer individuellen Schönheit zu betrachten.

Die 157 Netsukes sind denn auch das Herz der Ausstellung "Die Ephrussis. Eine Zeitreise" im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse. So eigenartig diese Objekte sind und eine genaue Betrachtung herausfordern, so sehr stehen sie auch für den Raubzug der Nationalsozialisten an den Juden, aber auch für Mut und Ehrlichkeit.

Nahbeziehungen zu Künstlern

Die japanischen Elfenbeinschnitzereien nämlich sind der Familie Ephrussi als einziger Besitz aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus geblieben. Während die nationalsozialistischen Plünderer alles aus dem Ephrussi-Palais an der Ringstraße konfiszierten und katalogisierten, schaffte ein Dienstmädchen die kleinen Figuren in der Tasche ihrer Schürze in ihr Zimmer und versteckte sie in der Matratze. Nach dem Krieg gab sie die Sammlung an die Familie Ephrussi zurück.

Edmund de Waal übergab die Netsukes dem Wiener Jüdischen Museum als Dauerleihgabe und machte dem Haus das Familienarchiv zum Geschenk. Das ermöglicht nun eine Schau, mit der die Ephrussis zumindest geistig wieder in Wien ankommen.

Anhand von Bildern und Objekten erzählt die Ausstellung im Jüdischen Museum die Geschichte einer außerordentlichen Familie, die bis zum "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland Wien und Paris verbindet. Wie Lebensadern durchziehen die Zweige der Familie Ephrussi die europäische Kultur. Ahnherr Joachim Ephrussi kam aus Odessa, war um 1860 der weltweit größte Getreideexporteur und etablierte seine Firma als internationales Finanzunternehmen. Sein Sohn Ignaz gründete in Odessa ein bedeutendes Bankhaus, übersiedelte dann ebenfalls nach Wien und baute hier das Bankhaus Ephrussi und Co. mit Filialen in Paris und London auf. Nach den Rothschilds waren die Ephrussis die bedeutendste Bankiersfamilie zumindest in Europa, wenn nicht weltweit. Und so legt denn auch Baron Trotta in Joseph Roths Roman "Radetzkymarsch" sein Vermögen im Bankhaus Ephrussi an.

Die Nahbeziehung zu Künstlern ist dabei, wie die Ausstellung minutiös dokumentiert, ein Charakteristikum der Ephrussis - wo auch immer sie sich angesiedelt haben. So baute Stararchitekt Theophil Hansen das Wiener Palais gegenüber dem Hauptgebäude der Universität. Der Maler Christian Griepenkerl (der später einen gewissen Adolf Hitler wegen zu geringer Begabung nicht an der Akademie zuließ), stattete es aus. In Paris wiederum betätigte sich Charles Ephrussi als Kunstsammler und Mäzen. Er förderte Impressionisten wie Edgar Degas, Edouard Manet und Auguste Renoir und inspirierte Marcel Proust zu seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Großbritannien, Spanien, die USA, Mexiko und Japan sind weitere Länder, in denen die Familie Ephrussi - oft unfreiwillig - deutliche Spuren hinterlassen hat.

Was diese außerordentliche Ausstellung vor Augen führt, ist nicht zuletzt, welchen Verlust an Kultur die Beraubung und Zerschlagung des jüdischen Großbürgertums durch die Nationalsozialisten verursacht, aber auch, wie wenig sich die Zweite Republik um adäquate Wiedergutmachung gekümmert, sogar das Unrecht der Enteignung fortgeschrieben hat. Vielleicht sollte der Besucher zuerst, ehe er von Station zu Station geht, durch diese Ausstellung schlendern und diesen unfassbar weiten kulturellen Horizont, der Länder und Kontinente überspannt, auf sich wirken lassen und dann erst, zum Schluss, bei den Netsukes verweilen und dem Hasen in die Bernsteinaugen blicken.