Es muss nicht immer alles gerade liegen. Manchmal hilft es, wenn man die Dinge einfach schräg angeht. Diese Erkenntnis ließ vor wenigen Tagen die Nutzer sozialer Netzwerke förmlich zu Freudentänzen und enormen Diskussionstiraden hinreißen. Der Grund war ein Video, in dem zu sehen war, wie man ein Präsent in Geschenkpapier verpacken kann, wenn es sich allem Anschein nach nicht mehr ausgeht. Wer kennt den Vorgang nicht. Geschenk mittig aufs Papier und dann alle Seiten Richtung Mitte. Am Ende die traurige Gewissheit - das Papier, es reicht nicht aus. Der Clou lag nun aber darin, dass man das zu verpackende Objekt nicht waagrecht oder senkrecht in dem Papier einpacken soll, sondern diagonal.

Regelbruch mit Erfolg

Das ordnungsliebende Auge wird jäh aus seiner Contenance gerissen und muss mitansehen, wie ein Regelbruch der Symmetrie zum Erfolg führt. Tonnen von glänzendem Weihnachtspapier, die dem Geschenk an Größe nicht mehr gereichten, hätten so vermutlich jedes Jahr nicht den Weg in den Müll gefunden. Aber gut, besser spät als nie und echte Verpackungsprofis sowie angeberische Mathematiker sind sich dieses geometrischen Kniffs ohnehin schon immer gewahr gewesen. Apropos Verpackungskünstler, es mag nun jeder an Christo denken, wobei man darüber streiten kann, ob es bei seiner Kunst um Verpacken oder doch um Verhüllen geht, doch die wahren Größen dieser Disziplin findet man in Japan. Es gibt Dinge, die kann man schwer beschreiben, aber wer schon einmal in einem Geschäft in Japan eine Tafel Schokolade gekauft hat, der weiß, dass man selbige erst, nachdem man sich durch mehrere Schichten Seidenpapier, Plastikfolie und Papier gekämpft hat, genießen kann. Der Akt des Auspackens wird trotz der Entsexualisierung zu einem wahren Höhepunkt. Doch wahre Kunst äußerst sich ja bekanntlich darin, dass beide Seiten der Medaille betrachtet werden: So ist nicht nur das Aus,- sondern natürlich und noch viel mehr das Verpacken in Japan eine Kunst. Andächtig werden Papierstücke in Form gebracht, um das Objekt, das selbst damit seiner Bedeutung zunächst genommen wird, gewickelt und in zeitloser Eleganz dem Kunden ausgehändigt. Wer nun ein Geschenk bekommt, der wird - dieses Prozedere im Hinterkopf - nicht einfach auspacken, sondern das Entblättern zelebrieren. Die Schicht Geschenkpapier wird selbst Präsent. Und das Geschenk in der Mitte wird von lauter kleinen Höhepunkten der Verpackungskunst förmlich noch eine Stufe höher gehoben.

Es mag nun nicht jeder Mensch erfreut darüber sein, denn wie schön sind die Erinnerungen an die Kindheit, als das Papier nicht langsam und bedächtig, sondern mit dem Eifer und Engagement eines Berserkers vom Weihnachtspackerl gerissen wurde. Derartige tiefe Emotionen kann man im Alltag als Erwachsener nun doch eher selten ausleben. Und danach dann das Einsammeln des Geschenkpapiers in den Papiersackerln, die dann neben unzähligen anderen am 25 Dezember ihrer Abholung harrten.