Es war ein in den Brüsseler Chefetagen der EU außerordentlich seltenes Aufblitzen von Selbstzweifel, das die EU-Kommissarin Margrethe Vestager schon Ende August in einem Interview formulierte: "Als der Eiserne Vorhang fiel, nahm ich einfach an, dass die ehemaligen Ostblockstaaten irgendwann zwangsläufig werden würden wie wir", merkte die Dänin da an. "Aber stattdessen haben sie sich durch die Wende verändert und wir natürlich auch. Über diese Entwicklungen haben wir zu wenig gesprochen." Und sie fügte hinzu: "Wir dürfen nicht den Fehler machen und zum Beispiel Mitgliedsstaaten aus dem Osten an den Pranger zu stellen, während fragwürdige Entwicklungen in anderen Staaten womöglich übersehen werden."

Was Frau Vestager da adressierte, ist die für viele unvorhersehbare, aber immer deutlicher sichtbar werdende Kontinentaldrift zwischen der alten West-EU und der neuen Ost-EU, symbolisiert etwa durch den fundamentalen Konflikt zwischen den Herren Orbán in Ungarn und Kaczyński in Polen und den Spitzen der Union in Brüssel.

Unangenehme Antworten

Woher dieser Konflikt kommt, was seine Ursachen und seine Konsequenzen sind, haben der bulgarischstämmige, in Wien lebende Publizist Ivan Krastev und der US-amerikanische Rechtswissenschaftler Stephen Holmes in ihrem Buch "Das Licht, das erlosch - Eine Abrechnung" analysiert, und sie haben dabei erstaunliche und spannende Antworten gefunden. Antworten, die freilich nicht alle Mitglieder des Establishments im westlichen Teil Europas gerne hören werden.

Ihre zentrale These: Die zunehmende Neigung der Ossis zu Nationalismus, Iliberalismus und autoritärer Demokratie wurzelt in einer unheilvollen "Nachahmung" des Westens. Und zwar weniger in der Marktwirtschaft, sondern in seinen Zielen, Prinzipien und moralischen Werten nach 1989.

"Das Nachahmen moralischer Ideale hat," behaupten die Autoren, "anders als das Entleihen von Technologien, zur Folge, dass man demjenigen, den man bewundert, ähnlich wird. Gleichzeitig führt es aber auch dazu, dass man sich selbst unähnlicher wird - und das zu einem Zeitpunkt, an dem die persönliche Einzigartigkeit und die Loyalität zur eigenen Gruppe im Zentrum des Bemühens um Würde und Anerkennung stehen."

Leben als Nachahmer

Was zu einer Art von kognitiver Dissonanz geführt haben könnte: "Ein Leben als Nachahmer vermengt unweigerlich Gefühle der Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit, des Identitätsverlusts und der unfreiwilligen Unaufrichtigkeit. Wir können sagen, dass in Mitteleuropa noch ein besonderes Ärgernis ins Spiel kam, weil die Nachahmer glaubten, zum selben Kulturraum zu gehören wie die Nachgeahmten - und zudem davon ausgingen, dass sie eingeladen waren, der ‚freien Welt‘ auf Augenhöhe mit ihren europäischen Nachbarn beizutreten."

Dass ihnen - wie Kommissarin Vestager ja einbekannte - diese Augenhöhe aus einer Pose westlicher Anmaßung immer wieder verweigert worden ist, trieb die Osteuropäer letztlich (auch) auf jenen Pfad, den ihnen der Westen Europas als Irrweg vorwirft.

Dazu kommt, dass der gesamte Westen, nicht nur Europa, auch nach 1989 immer wieder seine eigenen Werte mit den Füßen trat, vom Irakkrieg bis hin zum Geschmuse mit Staaten wie Saudi-Arabien. "Dem Nachahmer wird zwangsläufig sehr schnell klar, dass das Leben im Papageien-Land auch seine dunklen Seiten hat. Gleichzeitig verlor der Westen allmählich seine Identität als liberale Demokratie, er verlor seine Vision für die Welt. Und in diesem Sinne auch sich selbst," urteilt Krastev düster, aber nicht falsch.

Schließlich führte, vor allem bei den katholischen Polen, wohl auch eine Portion Naivität zu der Entfremdung. Galt ihnen doch die EU, solange sie unter dem Joch Moskaus lebten, nicht zuletzt als Hort der Religionsfreiheit - bis sie nach dem Beitritt auch zur Kenntnis nehmen mussten, damit auch "Säkularismus, Multikulti und Homo-Ehe" importiert zu haben.

Den beiden Autoren ist mit diesem Buch nicht nur "ein bahnbrechendes Werk über die Politik seit dem Zweiten Weltkrieg" (George Soros) gelungen, sondern vor allem auch ein wichtiger Beitrag dazu, dass einander Ost-und Westeuropäer ein Stück besser verstehen können. Wenn sie wollen.