Wer etwas erlebt hat, kann etwas erzählen. Wer in seinem Leben aber aktiv gestaltet und konsequent gearbeitet hat, der hat einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft geleistet.

Ein Musterbeispiel eines solchen kreativen, wie arbeitsamen Intellektuellen ist Manfried Welan, der als Universitätslehrer und Rektor der Universität für Bodenkultur, aber ebenso als gestaltungsaktiver Politiker wesentliche Impulse gesetzt hat. Seine geläuterte Lebenserfahrung hat er nun in seiner vierten, sehr persönlichen Autobiografie mit seinen privaten Erlebnissen, Erkenntnissen und politischen Bekenntnissen einem breiten Publikum Interessierter zugänglich gemacht.

Schon im Titel des Buches kommt sein Standort zum Ausdruck: "Ein Baum in der Lichtung". In seinem Alter von 82 Jahren hat sich der früher dichte Wald um ihn aus Freunden, Bekannten und Weggenossen erheblich gelichtet. Dass er dennoch nicht resigniert, sondern die positiven Möglichkeiten seines Alters aktiv und positiv leben will, tut er mit dem optimistischen Untertitel "Alterserwachen" kund.

Ergänzung zur Präambel gefordert

Welan begnügt sich in seinem Buch nicht nur mit aphoristischen Erkenntnissen. Er stellt auch weitreichende politische Forderungen. Wie etwa, dass Österreich die Unabhängigkeitserklärung mit einer verbesserten Präambel neu beschließen soll, weil es die Moskauer Deklaration von 1943 vorerst nur als Bestätigung verstehen wollte, dass es als "erstes freies Land der Hitlerischen Aggression zum Opfer gefallen war und von der deutschen Herrschaft befreit werden soll". Als "Opfer" glaubte man sich aber auch befreit von der Notwendigkeit, die Vergangenheit wirklich aufzuarbeiten. Obwohl auch die Moskauer Deklaration "die Verantwortlichkeit für die Teilnahme am Krieg an der Seite Hitler-Deutschlands" deutlich einmahnte.

Die neue Präambel der Unabhängigkeitserklärung müsste laut Welan mit Hinweisen "auf die Mitschuld gegenüber den Opfern, auf die Tatsache, dass die Mehrheit der Bevölkerung für den Anschluss gewesen und dass dieser von vielen begeistert begrüßt worden sei" ergänzt werden. Ebenso aber sollte ein Hinweis auf den Widerstand in Österreich in der Präambel erfolgen. Die Unabhängigkeitserklärung mit der neuen Präambel sollte im Parlament beschlossen und einer Volksabstimmung unterzogen werden.

Manfried Welans scharfe Beobachtungsgabe paart sich oft mit einem kleinen Augenzwinkern. So etwa preist er das Kaffeehaus als beste Therapie gegen den Tinnitus: "Die vielen Nebengeräusche überdecken ihn, das Geklapper des Geschirrs im Besonderen, die Zeitungslektüre lenkt ab. Man wird gegrüßt und man grüßt." Oder: "Jeder Tag hat seine Überraschungen Und wenn man nicht im Spital ist, geht’s einem schon gut."

Aber Welan macht sich auch ernsthafte Sorgen: "Demokratie ist kein Luxusdampfer, sondern ein Floß, auf dem alle mitrudern. Deshalb ist die Erziehung zum Gemeinsinn und zur Solidarität so wichtig." Und: "Der Rechtsstaat ist in Gefahr, die Demokratie ist in Gefahr. Ob das die totale Spaß- und Spektakelgesellschaft begreift? Fakes und Fiktionen überall. Was ist wahr, was ist falsch? Ich plädiere zum Trotz für mehr und bessere Bildung und für Kultur durch Bildung."

Jedenfalls ist Welans Buch eines, dessen Weisheiten man sich am besten in kleineren Portionen zu Gemüte führen sollte, um deren Tiefgang zu erfassen.