Die Spirale der Empörung dreht sich schneller. Moralisieren verhindert sachliche Debatten. Die Mehrheitsgesellschaft gehört der Vergangenheit an. Und mit Dissens können wir auch nicht umgehen. Der deutsche Philosoph Alexander Grau spürt in seinen Gegenwartsanalysen dem Pulsschlag einer selbstgefälligen Zeit nach. Ein Gespräch am Rande des Philosophicum Lech über die Emotionalisierung der Politik und Kulturpessimismus als einzigen Ausweg.

Alles rein wissenschaftlich belegt und ideologiefrei bei Fridays for Future? "Das ist natürlich Unsinn", konstatiert Philosoph Alexander Grau. - © REUTERS
Alles rein wissenschaftlich belegt und ideologiefrei bei Fridays for Future? "Das ist natürlich Unsinn", konstatiert Philosoph Alexander Grau. - © REUTERS

"Wiener Zeitung": Diese neuen Eliten, die Sie anprangern: Wie unterscheiden sie sich von den bisherigen?

Alexander Grau: Die alten Eliten waren traditionell konservativ. Die neuen geben sich bewusst progressiv. Entsprechend definieren sich die neuen Eliten nicht über Herkunft und Besitz, sondern vor allem über ihr kulturelles Kapital - über ihren Habitus, ihren Lifestyle, ihre Gesinnung. Man arbeitet vorzugsweise in den Medien, im Kulturbereich, im IT-Sektor, man ist gut vernetzt und international. Was diese Menschen verbindet, ist ein gewisser Lebensstil. Diese neuen sozialen Eliten begreifen sich als technische und vor allem auch als die moralische Speerspitze einer globalisierten Gesellschaft.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph. Er arbeitet als freier Publizist und Journalist. Zuletzt erschienen von ihm "Hypermoral. Über die neue Lust an der Empörung", sein Buch "Kulturpessimismus. Ein Plädoyer" sowie 2019 "Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität". Grau lebt und arbeitet in München.
Alexander Grau ist promovierter Philosoph. Er arbeitet als freier Publizist und Journalist. Zuletzt erschienen von ihm "Hypermoral. Über die neue Lust an der Empörung", sein Buch "Kulturpessimismus. Ein Plädoyer" sowie 2019 "Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität". Grau lebt und arbeitet in München.

Worin liegt deren Einfluss?

Die Machtstrategien der neuen Elite sind wesentlich weicher als die der alten Eliten. Es geht nicht mehr um steile Hierarchien, im Gegenteil. Es geht vielmehr um die kulturelle Deutungshoheit, um die Beherrschung der gesellschaftlichen Debatten, darum, normative Standards zu setzen, an die man sich halten muss, wenn man nicht ausgegrenzt werden will. Dieser Einfluss ist nicht das Produkt einer bewussten Planung, er ist das Ergebnis sozialer Umformungsprozesse. An den Schaltstellen der Meinungsmache unserer spätmodernen Gesellschaften, in Medien, im Kultursektor, in Bildungseinrichtungen, hat sich ein Sozialmilieu mit einem recht homogenen Weltbild versammelt. Das führt übrigens zu sozialen Spannungen: Im Zweifelsfall fühlt man sich dem Filmemacher in Buenos Aires oder dem IT-Spezialisten aus Sydney näher als dem eigenen, kleinbürgerlichen Herkunftsmilieu.

Liegt darin die Wurzel der viel zitierten Spaltung der Gesellschaft?

Dafür spricht einiges. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den alten und den neuen Eliten ist auch, dass die neuen eben keine kleine Gruppe mehr bilden. Manche Soziologen schätzen den Anteil der neuen Eliten an der Gesamtbevölkerung auf 20 und 25 Prozent. Das ist eine große Minderheit: das linksliberale, neubürgerliche, urbane Milieu der Kreativen, Flexiblen und Modernen. Diesen gegenüber steht eine mindestens ebenso große Gruppe, die die Welt anders sieht, die - in den USA etwa oder in Großbritannien - mit Donald Trump oder Boris Johnson sympathisiert. Beide Seiten machen den Fehler, sich selbst als schweigende Mehrheit zu betrachten. Doch das Konzept der Mehrheitsgesellschaft funktioniert so nicht mehr. Es gibt lediglich große Minderheiten, die Angst haben, von der jeweils anderen dominiert zu werden. Mit dieser Situation sind wir aktuell überfordert.