Der Blick auf den hinteren Klappentext verstört durch sein Ungleichgewicht: Oben prangt mit Bild Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. Sie hat gerade einmal ein erschreckend nichtssagendes Vorwort beigesteuert, in dem sie genau die salbungsvollen Gemeinplätze von "Friedensprojekt" über "Kraftort Salzburg" bis hin zu persönlichen Reminiszenzen und Danksagungen loswird, die ein so weihrauchgeschwängertes wie unreflektiertes Buch erwarten lassen. Unten, ohne Bild, erfährt man über den Autor Malte Hemmerich, er sei 1992 geboren, Musikjournalist, arbeite unter anderem für die "FAZ" und sei Redakteur beim Internet-Klassikmagazin "takt1". Hemmerichs Schlaglichter auf Komponisten wie Benjamin Britten, Gerald Finzi oder den hochbegabten, wenngleich glücklosen Richard-Wagner-Sohn Siegfried lassen sich gegen Entgelt im Internet nachlesen. Vielfach denkt man dann, ja, genau so müsse Musikjournalismus sein.

Klare Worte

Hemmerich berichtet die Geschichte der Salzburger Festspiele in einem Prolog (Einstimmung auf das Thema) und fünf Akten. Erster Akt: Hofmannsthal und ein Anfang mit "Jedermann". Zweiter Akt: Die Zeit des Nationalsozialismus bis zur Ära Karajan. Dritter Akt: Die Ära Karajan. Vierter Akt: Mortier. Fünfter Akt: Was nach Mortier geschah. Hemmerich erzählt dabei nicht streng chronologisch, sondern blendet immer wieder in die Gegenwart und zeigt die Auswirkungen spezifischer Entscheidungen.

Gérard Mortier war nach Herbert von Karajan die zweite prägende Gestalt in der Nachkriegs-Geschichte der Salzburger Festspiele. - © afp/Loiv Venance
Gérard Mortier war nach Herbert von Karajan die zweite prägende Gestalt in der Nachkriegs-Geschichte der Salzburger Festspiele. - © afp/Loiv Venance

Erstaunlich, welch klare Worte er dabei findet. Immerhin: Das Büchlein ist wohl als eine Art Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum gedacht - oder wird dazu durch das Vorwort der Festspielspielpräsidentin, egal, wie unerheblich dieses auch sein mag. Die Festspiele in der NS-Zeit: Statt "Jedermann" gibt es das "Lamprechtshausner Weihespiel" mit Hitlerrufen. Dass Hemmerich dessen Autor Karl Springenschmid vor der namentlichen Nennung schont, verblüfft, dass er die Verstrickungen mancher Nachkriegs-Festspielkünstler in die NS-Kulturpolitik offen anspricht, nimmt für ihn ein.

Glänzend erklärt Hemmerich die bedeutende Rolle des österreichischen Komponisten Gottfried von Einem, der Salzburg als Festspiel der neuen Oper etablieren will, aber teils an den Finanzen, teils an seinem Idealismus scheitert.

Herbert von Karajans Rolle erfasst Hemmerich in ihrer ganzen Zwiespältigkeit: Einerseits ist da der Wille zur diktatorischen Machtausübung, andererseits konstatiert der Autor bei ihm auch "Herzblut". Dass Hemmerich Karajans Agieren gegen missliebige Produktionen ausgerechnet an Samuel Barbers tatsächlich schwächelnder Oper "Vanessa" darstellt und nicht an seinem unsäglichen Vorgehen bei Carl Orffs bedeutender "Antigonae", ist hingegen verwunderlich, zumal Karajan auch bei der von ihm geleiteten Uraufführung von Orffs "De temporum fine comoedia" eine merkwürdige Position zwischen Interesse und Unlust einnahm. Hemmerichs Analyse von Karajans Taktik zur Machtsicherung überzeugt dennoch, vor allem, weil es ihr sowohl an Bewunderung wie auch an schäumender Wut fehlt.

Vorzeitiges Ende

Dass Hemmerich eine verständliche Sympathie für Gérard Mortier hegt, wird schnell deutlich, zumal dessen Ära tatsächlich eine bis heute nachwirkende Weichenstellung bedeutete. Es ist vielsagend, dass Hemmerich alle Nach-Mortier-Intendanzen in einem Kapitel zusammenfasst: Peter Ruzickas "goldenen Mittelweg", Jürgen Flimms Unauffälligkeit, Alexander Pereiras kostspielige "Besinnung auf das Einmalige" - und danach? "Markus Hinterhäuser, der schon seit 2015 als mehr oder weniger heimlicher Wunschkandidat galt, führt die Festspiele 2017 nach einer Übergangszeit nun in eine neue Ära und öffnet den Vorhang zum sechsten Akt."

Nur läuft dieser sechste Akt bereits seit geraumer Zeit. Dass Hemmerichs auf das Jahr 2020 ausgerichtetes Buch schon die Festspiele des Jahres 2015 nur als Ausblick bietet, verblüfft nicht zuletzt angesichts des Tempos, in dem heute Bücher produziert werden. Hier bedürfte es zumindest einer Begründung für das vorzeitige Ende der Aufzeichnungen. Dass sie fehlt, mindert betrüblicherweise den Wert dieser sonst durchaus empfehlenswerten Geschichte der Salzburger Festspiele.