Japaner heißen jetzt anders. Shinzo Abe, wie der Premierminister des ostasiatischen Landes bisher weltweit bekannt war, lässt seit Anfang 2020 darum bitten, mit Abe Shinzo adressiert zu werden. So sage man es in Japan schließlich schon immer, warum also sollte es der Rest der Welt dann anders machen?

Die neue Regel, die die Regierung schon im Frühjahr letzten Jahres veranlasste, jetzt aber erst Wirkung hat, lautet: Zuerst kommt der Familienname und erst dann das, was in deutscher Sprache Vorname genannt wird. Alles andere ist nun, laut japanischer Regel, falsch. Die Namensschreibreform, die für eine neue Einheitlichkeit sorgen soll, war konservativen Kräften im Land schon länger ein Anliegen. In einer sich globalisierenden Welt, in der auch Menschen in Japan zusehends mit der Welt in Kontakt stehen, ist es schließlich umständlich für Japaner, in internationalen Korrespondenzen immerzu ihre Namen umzudrehen, nur um für Menschen fremder Kulturen verständlicher zu werden. So befürworten nicht nur hartgesottene Nationalisten die Umstellung. Laut einer Umfrage unterstützen ganze 59 Prozent diesen Schritt.

Moderne Schreibweise

Die Schreibweise, die ab jetzt gilt, ist in ostasiatischen Ländern ohnehin üblich. Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-un trägt nicht etwa den Vornamen, sondern den Familiennamen Kim. Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping entstammt einer Familie namens Xi. Hier hat sich die Welt immer schon an der nationalen Gewohnheit des jeweiligen Landes orientiert. In Japan nahm man allerdings einst freiwillig die westliche Art der Namensschreibung an, als sich das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts modernisieren wollte. 250 Jahre der Abschottungspolitik hatten zwar die japanische Kultur aufblühen lassen, das Staatswesen aber rückständig wirken lassen. Als die USA dem japanischen Kaiser 1853 mit Krieg drohten, war man in Tokio plötzlich beeindruckt und panisch zugleich.

Um sich vor dieser fremden Militärmacht sicher zu fühlen, wollte man die vermeintlich fortschrittlicheren westlichen Länder so schnell kopieren wie möglich. Man eignete sich das Erbrecht der Preußen an, das Bildungssystem der Franzosen, die parlamentarische Demokratie der Briten, das marktwirtschaftliche Denken der Amerikaner. Und auch die Schreibweise der Namen, die die Länder im Westen alle gemein hatten, wurde übernommen. Den Vornamen vorneweg zu nennen, schien modern und im Vergleich zum alten konfuzianischen Muster weniger hierarchisch. Die Umstellung war damals eine nationalistische Maßnahme: Japan sollte sich von den besten Dingen des Westens bedienen, damit das Land bereit sei, sich gegen den Kolonialismus aus Europa und Nordamerika zu wappnen. Ebenso ist der jetzigen Umstellung ein gewisser Nationalismus nicht abzuerkennen. Die japanische Zeitung "Nikkan Asian Review" schrieb vor kurzem, dass die Namensumstellung auf eine längst stattgefundene kulturelle und geopolitische Gewichtsverschiebung von Westen gen Osten folge. Dass ein japanischer Familienname fortan wieder zuerst genannt werde, und zwar überall auf der Welt, nicht nur in Japan, bedeute "Authentizität und Normalisierung".

Allerdings kommt der Schritt in einer kuriosen Zeit. Denn 2020 ist nicht nur das Jahr der Japanisierung japanischer Namen im Ausland, sondern auch das Jahr der Olympischen Spiele in Tokio, im Zuge derer sich das Land als besonders weltoffen präsentieren will. Japan sei ein Land der Diversität, heißt es derzeit häufig auf Plakaten. Japanische Bildungsinstitutionen legen sich ins Zeug, um das Englischniveau zu verbessern. Zumindest in Tokio sind die Namen der U-Bahnhaltestellen mittlerweile auch in romanischen Buchstaben zu lesen. Man will es der Welt leicht machen, Japan zu verstehen.

Mit der Namensschreibung muss sich die Mehrheit der Welt nun umorientieren. Einfacher wird es ab jetzt dagegen für Japaner, die sich an das während der letzten 150 Jahre gängige System nicht gewöhnen konnten oder wollten. Besonders glücklich darüber sind aber die Nationalisten, die stark in der Regierung vertreten sind. Im Wahlkampf vor gut sieben Jahren prangte der Spruch: "Nippon wo torimodosu" - Japan wieder zurückholen. Darüber das Konterfei von dem, der jetzt wieder einen Schritt in diese Richtung getan hat, Shinzo Abe. Ab jetzt Abe Shinzo.