Warum, um alles in der Welt, hat der Goethe nach der "Farbenlehre" nicht eine "Geschmackslehre" auf der Basis von Übergängen und Kontrasten geschrieben? Dann wäre alles besser erklärt und auf stilistisch weit höherem Niveau. Aber nein, eine Gruselgeschichte hat er schreiben müssen von einem Teufelspakt und einem Hund, dem etwas gänzlich anderes innewohnt als Hundeinnereien (eine Vorwegnahme schier von John Carpenters "Ding"), statt zu erklären, weshalb Bitteres und Süßes eine gar so schmackhafte Verbindung eingehen.

Zum Beispiel ist am 10. Jänner - halt, nein, das Wort "ist" ist unpassend für Genießer, also: Am 10. Jänner feiert der Gourmet den Tag der Zartbitterschokolade und am 12. Jänner den Tag des Marzipans. Wer ist eigentlich zuständig für solche Festtage? Das gehört doch, bitteschön, am selben Tag gefeiert. Oder kennt man Niedereggers "Schwarzbrot" nicht? Kompromissvorschlag: der 11. Jänner. Wer braucht schon den "Tag des deutschen Apfels"? Und wenn der Apfel noch so gesund sein und den Arzt noch so fernhalten mag.

Wieso das Interesse am Essen, das doch eine Nebensache des Lebens sein möge, wie manch Internet-Gesundheitsratgeber meint? - Allein schon die Behauptung, Essen wäre eine Nebensache. Bitte ausprobieren: eine Woche auf die Nebensache verzichten. Zu überleben ist das übrigens, für Hartgesottene sogar mühelos. Und wenn es schon, wie hiermit bewiesen, keine Nebensache ist, weil nichts Lebensnotwendiges eine Nebensache ist, dann kann man doch auch Genuss daraus gewinnen.

Wenn einem nicht gerade religiöse Lehren in die Quere kommen. Wobei Juden und Muslime diese Problematik virtuos wegwürzen und sozusagen dennoch genießen. Was aber, wenn die Lehrmeister sagen, die Erde sei ein Jammertal und die Mahlzeit diene der Magenfüllung, nicht aber dem Vergnügen? Gute Küchen finden sich etwa in Italien, in Frankreich, in Belgien, in Österreich, in Tschechien, in Ungarn, in Polen, während die Küchen von Großbritannien oder den skandinavischen Ländern weniger Genussvolles bieten. Man sei der Regel eingedenk, dass die katholischen Traditionen den irdischen Freuden eher gewogen sind als die protestantischen. Es stimmt fast immer. Nur die Schweiz mit ihrem Protestantismus und ihrer dennoch guten Küche ist eine Ausnahme. Typisch Schweiz.

Essen ist Kultur

Das Essen ist also immer ein wesentlicher Teil einer Kultur. Aber es gibt weitere interessante Aspekte des Gaumengenusses. Zum Beispiel haben experimentelle Archäologen auf der Basis von steinzeitlichen Funden von Essensresten eine Mahlzeit nachgekocht, wie sie seit Fred Feuerstein niemand mehr gegessen hat. Die g’standenen Archäologen haben zusammengekocht, was sie gefunden haben. Es war ein Fraß, der einem Entelodon, dem Urschwein, nicht zumutbar gewesen wäre. Aber wer sagt, dass Höhlenfrau ihrem Höhlenmann alles auf einmal in die Schüssel geleert hat? Ein paar küchenerfahrene jüngere Archäologen haben Auswahlen aus den Zutaten unterschiedlich kombiniert. Das Ergebnis: Nicht gerade drei Michelin-Sterne, aber einer wäre glatt herauszuholen gewesen.