Wollte man in den 1920er-, 30er-Jahren in Wien zum 5-Uhr-Tanztee gehen, dann ging man ins Café Palmhof. Mondäne Plakate - zwei Frauen umschwirren einen Mann - wiesen den Weg: "Gegenüber der Westbahn. Abfahrtsseite." Klingt nicht nach mondäner Gegend? Mag heute so sein: Wo einst das Café Palmhof war, ist jetzt ein Diskonter. Vor hundert Jahren aber war der 15. Bezirk Wiens von jüdischem Leben geprägt, es gab den Turnertempel, es gab den jüdischen Turnverein Makabi. Und es gab das Palmhof, einen Treffpunkt für moderne, musikinteressierte Menschen, die - gerade in der tristen Zwischenkriegszeit - sich "buntfrohe" Abende gönnten.

1919 übernahmen der Kriegsinvalide Otto Pollak (er hatte ein Bein im Ersten Weltkrieg verloren) und sein Bruder Karl das Café und machten es zu einem Tanzcafé. Im Jüdischen Museum führt nun eine Ausstellung in diese vergessene Welt der Unterhaltungskultur in Wien. In nur einem Raum erzählen die Kuratorinnen Theresa Eckstein und Janine Zettl vor allem mit Fotos, Zeitungsausschnitten und Dokumenten die Geschichte dieser einstigen Institution. Aber eben auch mit dem Gästebuch, in dem sich am 29. Jänner 1938 Hans Moser mit seiner Frau Blanca eingeschrieben hat. In der Mitte des Raums ist eine Säule, die ein wenig an die Architektur des Cafés erinnert, aber auch an eine Tortenvitrine. Drinnen steht Geschirr aus dem Lokal mit extra angefertigtem Palmenlogo - und eine Speisekarte. Die zeigt, dass als Erfrischung damals nicht nur ein Brandy Soda galt, sondern auch eine Portion Schlagobers und ein Stück Ananas. Exotisch hatte man es ohnehin gern: Die Pollaks ließen eine "Pirateninsel" mit lebensgroßen Palmen errichten, das Personal bediente in kesser Seeräuber-Verkleidung. In der Schau sieht man die Modeskizzen dazu, genauso wie den Entwurf der Pirateninsel. Dort, und nur dort, konnte man übrigens "Piratenbräu" trinken, wie eine Werbung versprach.

Konkurrenz Tonfilm

Regelmäßig fanden Musikabende statt, aber auch Veranstaltungen wie die Wahl zum "Fräulein Wien". Einmal in der Woche wurden Konzerte gar im Radio übertragen. Konzertlokale hatten aber in jener Zeit einen schweren Stand, wie ein Zeitungsausschnitt bezeugt, in dem Otto Pollak berichtet, dass die Besucher weniger werden: sei es wegen der großen Arbeitslosigkeit oder der Konkurrenz der technischen Errungenschaften wie Radio, Grammophon oder Tonfilm.

Pollak war ein sehr sozialer Arbeitgeber, er setzte sich dafür ein, dass in ganz Wien die Kaffeehäuser am Heiligen Abend zusperren, damit das Personal bei seinen Familien sein könne. Er dürfte auch von seinen Mitarbeitern geschätzt worden sein - auf dem Rahmen eines Bildes mit der Straßenansicht des Cafés steht die Inschrift: "Den verehrten Chefs gewidmet vom Personal".

Und doch war es ein Mitarbeiter, der das Lokal erhielt, nachdem es 1938 arisiert worden war. Schon davor war das "Palmhof" Ziel antisemitischer, nationalsozialistischer Angriffe gewesen, 1934 gab es einen Sprengstoffanschlag. Auf einer Karte beschreibt Otto seiner damals acht Jahre alten Tochter Helga berührend schonend, wie er die Familienwohnung das letzte Mal verlassen hat. Die Wellensittiche seien schon vorher freiwillig abgehauen.

Eine Flucht in den tschechischen Geburtsort brachte nicht viel. Die ganze Familie Pollak wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert. Bruder Karl kam nach Auschwitz, wo er nach wenigen Tagen ermordet wurde. Otto - durch seinen Status als Kriegsinvalider "gerettet" - überlebte mit Tochter Helga Theresienstadt. In der Schau ist auch eine Aufstellung von Otto Pollak zu sehen, die die Auslöschung seiner Verwandtschaft dokumentiert. 61 Verwandte wurden ermordet. Sein Fazit: "Eine furchtbar traurige Bilanz."

Das Café wurde in den 50er-Jahren restituiert, Pollak wollte es aber nicht mehr wieder eröffnen. Es war ihm nicht mehr nach Tanztee.