Für Buchverlage ist das Beethoven-Jahr 2020 ein Problem: Ludwig van Beethoven ist auserforscht. Es gibt nichts mehr herauszufinden. Allenfalls möchte man wissen, wer die rätselhafte "ferne Geliebte" gewesen sein mag. Aber dieses Rätsel wird sich wohl auf Ewigkeit der Lösung entziehen. Und selbst wenn: Was wäre gewonnen? Man hätte dann einen Namen, aber nicht zwangsläufig auch eine Identität. Das ungelöste Rätsel ist in diesem Fall spannender als das gelöste.

Also: Was tun mit Beethoven im Beethoven-Jahr? Gibt es schon keine neuen Erkenntnisse, so können die Autoren doch mit neuen Interpretationen des Bekannten aufwarten. Auch das kann spannend sein, wenn man etwas zu sagen hat, aus dem vorhandenen Material etwas herauskitzelt, einzelne Aspekte einer besonderen Untersuchung unterzieht.

So stellen etliche Autoren den Menschen Beethoven in den Mittelpunkt, ohne seine Musik zu analysieren. Allenfalls versuchen sie, den Menschen an seine Schöpfungen anzubinden, den einen durch die anderen zu erklären und umgekehrt, und ein Spannungsfeld abzustecken zwischen dem Komponisten-Titanen, seinen revolutionären Ideen, seiner enormen Breitenwirkung und seinem schwierigen Charakter, den nicht allein die Schwerhörigkeit verursachte.

Fakten, nichts als Fakten

Der Messie Beethoven, der den vollen Nachttopf unter dem Klavier stehen hat, der Mietnomade, der sich mit kaltem Wasser übergießt, das dann durch den Fußboden den Mietern der darunterliegenden Wohnung auf die Köpfe rinnt - all das gehört mit zum Bild des Privatmenschen, das Kirsten Jüngling in "Beethoven: Der Mensch hinter dem Mythos" entwirft.

Kirsten Jüngling ist Ökonomin und hat unter anderem eine vielbeachtete Biografie über den Maler Emil Nolde vorgelegt. Aber wie viel versteht sie von Musik? Anders gefragt: Kann man eine Komponisten-Biografie schreiben und die Musik in dem Maß aussparen, wie Kirsten Jüngling das macht?

Und selbst, wenn ja: Ihr Beethoven-Buch referiert Fakten um Fakten, bis der Leser vor lauter Details nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Ab und zu scheint Kirsten Jüngling selbst zu spüren, welch trockene Angelegenheit sie liefert - dann streut sie ein paar Formulierungen ein, die das Material mit Flapsigkeiten auflockern sollen.

Am Schluss hat man die Erkenntnis gewonnen, dass Beethoven ein launenhafter, dem Alkohol zugetaner Mensch war, der sein Privatleben nicht in den Griff bekam und dessen Rechtsstreit um die Vormundschaft für seinen Neffen pathologische Züge annahm. Hut ab vor der Recherchearbeit: Ein umfassendes Charakterbild Beethovens ist das Buch. Aber die Aufbereitung der Fakten für den Leser ist zumindest problematisch.

Konrad Beikirchers Ansatz ist genau gegenteilig: Im Prinzip verfügt er über die gleichen biografischen Details wie Kirsten Jüngling, aber er will daraus eine launige Plauderei über Beethoven machen.

Beikircher ist Psychologe, mittlerweile aber hauptberuflich als Kabarettist, Autor und Hörbuch-Sprecher tätig. Obendrein hat er sich des rheinischen Dialekts angenommen.

"Unser Ludwig"

Obwohl Beikircher eine musikwissenschaftliche Ausbildung hat, klammert auch er Analysen und Deutungen von Werken Beethovens aus seinem Buch "Der Ludwig - jetzt mal so gesehen: Beethoven im Alltag" aus. Beikircher erzählt die Fakten weit launiger als Kirsten Jüngling, schießt dabei jedoch über das Ziel hinaus: Bewusst saloppe Formulierungen und Flapsigkeiten erzeugen nicht automatisch einen mündlichen Erzähltonfall und laufen dem Thema zuwider: "Unser Ludwig" heißt es da sich beim Leser und bei Beethoven gleichermaßen kumpelhaft anbiedernd. Was schade ist, denn immer wieder gelingt es Beikircher trotz der stilistischen Marotten, den Menschen Beethoven in all seiner Verletzlichkeit, Schrulligkeit, Schroffheit und Größe erfahrbar zu machen. Das Resultat ist eine kluge Charakterstudie - überwuchert vom verkrampften Plaudertonfall.

Kluge Überflüssigkeiten

In "Beethoven für Klugscheißer: Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten" trägt der deutsche Musikwissenschafter und Liedbegleiter Philip Feldhort allerhand Fakten zusammen, absichtlich subjektiv ausgesucht, absichtlich oft weniger als mehr relevant. Der Titel schreckt ab, denn "Klugscheißer"-, "Wissen für Dummies"- und "Nutzloses-Wissen"-Bücher nehmen in letzter Zeit überhand. Aber Feldhordts Beethoven-Buch ist anders: Es ist amüsant zu lesen, manche Fakten scheinen überflüssig, zeigen aber bei etwas Nachdenken seitens des Lesers, wie mit Beethoven umgegangen wurde und wird und wofür Beethoven steht. So heißen Mäuse, die aufgrund eines genetischen Fehlers gehörlos sind, Beethoven-Mäuse. "Klugscheißerei" oder ein Fall von Beethoven überall - das ist die Frage. Glänzend!