Der Internationale Tag der Muttersprache ist heute: keiner dieser Tage, die kurios sind und einfach Spaß machen wie der Tag des Absinth (im Kalender eintragen: 5. März - und nicht vergessen, rechtzeitig ein Fläschchen von der Grüne Fee zu kaufen, die Vincent van Gogh ein halbes Ohr gekostet und der Literaturgeschichte Rimbauds "Illuminations" beschert hat) oder der Tag des Orgasmus (9. Mai - bitte rechtzeitig vorplanen). Nein, der Tag der Muttersprache ist offiziell geadelt dadurch, dass ihn die Unesco im Jahr 2000 ins Leben gerufen hat, und zwar, um auf das weltweite Sprachensterben hinzuweisen. Natürlich kratzt sich da die Kultur-Wissenschaft-Erziehung-Organisation der UNO mit der linken Hand hinter dem rechten Ohr. Weil ja eine Muttersprache nicht automatisch eine vom Aussterben bedrohte Sprache ist. Umgekehrt passt‘s wieder, denn jede vom Aussterben bedrohte Sprache ist irgendjemandes Muttersprache.

Was bedeutet "Muttersprache"?

Apropos Muttersprache - was ist mit Muttersprache gemeint? Die Definition nach dem Internet-Lexikon wikipedia: "Als Muttersprache bezeichnet man die in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache. Diese sogenannte Erst- oder Primärsprache ist dabei sowohl hinsichtlich ihrer grammatikalischen Struktur als auch den einzelnen Lautgestalten so fest verankert, dass der jeweilige Sprecher sie im Laufe des Heranwachsens nahezu unbewusst (perfekt) beherrscht. Man spricht diese Sprache dann einfach und alle weiteren, also später gelernten Sprachen, haben kaum eine Chance, diesen Level bzw. diese Form der Sprachkompetenz zu erreichen."

Wetten, dass jetzt ein Literaturkenner einwirft, dass doch Joseph Conrad und Vladimir Nabokov und eigentlich auch Yvan Goll. . .?

Stimmt aber nur bedingt: Der Russe Nabokov wurde im Haus seiner nachdrücklich kosmopolitischen Familie von einer englischen Gouvernante betreut. Er wuchs demnach zweisprachig auf. Dass er sowohl in seinen in Russisch als auch gleichermaßen in den späteren in Englisch verfassten Romanen als Stilist von hohen Graden in beiden Sprachen gilt, ist dennoch bemerkenswert.

Ein ähnlicher Fall von Zweisprachigkeit ist der Elsässer Goll: Für ihn waren seit frühester Kindheit Deutsch und Französisch parallele Muttersprachen. So fiel es ihm nicht schwer, Lyrik von vollendeter Schönheit in beiden Sprachen zu verfassen und bisweilen, etwa im Fall der "Malaiischen Liebeslieder", selbst von der einen Sprache in die andere zu übersetzen.

Bleibt der Sonderfall Joseph Conrad. Geboren als Józef Teodor Nałęc Konrad Korzeniowski im damaligen russischen Kaiserreich (heute Ukraine) als Sohn polnischer Eltern, sprach er bis zu seinem 21. Lebensjahr kein Wort Englisch. Er erlernte die Sprache während seiner Zeit als Seemann auf britischen Schiffen und perfektionierte sie in einem Ausmaß, dass er mit Erzählungen wie "Der Nigger von der ,Narcissus‘", "Almayers Wahn" und "Herz der Finsternis" als einer der bedeutendsten Stilisten der englischen Sprache gilt. Sein Wortschatz und die Genauigkeit der Wortwahl kommt sogar der eines Rudyard Kipling gleich. Wie war das also mit den später gelernten Sprachen, die kaum die Chance haben, in der Sprachkompetenz mit der Muttersprache gleichzuziehen?

Aber wie gesagt: Conrad, Nabokov und Goll bleiben Sonderfälle. Und hier gehört wohl auch der Burgtheaterschauspieler Branko Samarovski her, dessen makelloses Deutsch mühelos neben seiner serbischen Muttersprache besteht.

Der Begriff Muttersprache ist natürlich neutral gemeint und folgt ganz einfach der Überlegung, dass das Kleinkind am meisten mit der Mutter zu tun hat und durch sie die seine erste Sprache lernt, die damit zwangsläufig die der Mutter ist.

Sprache weckt Emotionen

Doch wieviel Emotion wird da hinein verpackt, nämlich in Sprache ganz allgemein, speziell in Deutschland und Österreich. In der Diskussion kann man sich oft des Gefühls nicht erwehren, man würde Flüchtlingen und Migranten nicht nur (ganz zurecht) nötigen, Deutsch zu lernen, sondern am liebsten würde man ihnen das Sprechen ihrer Muttersprache gleich ganz verbieten. Noch im Kaiserreich war das ganz anders. Da war seine Majestät Kaiser Franz Joseph stolz darauf, dass allein beim Militär elf Sprachen anerkannt waren. Das bedeutet, dass Befehle in diesen Sprachen zu geben waren, also einem ungarischen Regiment in Ungarisch, einem tschechischen in Tschechisch und so weiter. Heute hat Österreich, neben Deutsch, drei Amtssprachen, nämlich Ungarisch, Slowenisch und Burgenland-Kroatisch.

Überhaupt: Als ob "Muttersprache Deutsch" gleich "Muttersprache Deutsch" wäre. Die Unterhaltung eines beispielsweise Vorarlbergerisch redenden Vorarlbergers mit einem Plattdeutsch redenden Ostfriesen kann spannende Resultate zeitigen. Mit dem Deutsch Goethes nämlich kommt keiner auf die Welt. Das sogenannte Hochdeutsch ist ja nur die weiterentwickelte Sprache der Luther-Bibel. Deutsch jedoch ist (wie alle Sprachen) weit vielfältiger, als es die hochsprachlichen Varianten ahnen lassen. Gerade einmal Russisch hat, aus welchem Grund auch immer, praktisch kaum einen Dialekt ausgebildet.

Doch bleiben wir bei der eigentlichen Zielsetzung, welche die Unesco mit dem "Tag der Muttersprache" verfolgte, nämlich auf das Schwinden und Verschwinden von Sprachen aufmerksam zu machen. Experten schätzen, dass weltweit etwa 6500 Sprachen existieren: 6500 Möglichkeiten, einem anderen Menschen nahezukommen. 6500 Möglichkeiten, einen Menschen zu verstehen.

Doch von diesen 6500 Sprachen stirbt Schätzungen zufolge alle zwei bis drei Wochen eine durch den Tod ihres letzten Muttersprachlers. Linguisten nehmen an, dass rund die Hälfte dieser 6500 Sprachen mehr oder minder akut bedroht ist.

Dem Menschen nahekommen

Einer der Gründe ist die Globalisierung, die es mit Sprachen kleiner Bevölkerungsteile nicht gut meint. Wer freilich glaubt, Englisch würde alles verdrängen, irrt. Tatsächlich ist Englisch die Weltsprache Nummer eins, aber bezogen auf Muttersprachler steht Englisch nur auf dem dritten Platz hinter Chinesisch (Platz eins) und Spanisch (Platz zwei), gefolgt auf den Plätzen vier bis zehn von Hindi, Arabisch, Portugiesisch, Bengali, Russisch, Japanisch und Punjabi. Dann erst folgt in vielen Statistiken Deutsch. Wobei es haarig ist, wie die Statistiken werten, also ob sie nur Muttersprachler zählen oder Menschen, die in den Sprachen kommunizieren. Was ein grundlegender Unterschied ist und Englisch auf Platz eins befördern würde.

Auf keinen Fall sollte der Tag der Muttersprache zum Tag der eigenen Muttersprache umgemünzt werden, sondern immer als Tag der sprachlichen Vielfalt verstanden werden - einer sprachlichen Vielfalt, die auch eine Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten bedeutet. Man ist nie zu alt eine Sprache zu lernen - und wenn es auch für einen selbst eine Fremdsprache ist, ist es die Muttersprache eines anderen Menschen, dem man durch sie nahekommen kann.