Wenn man nicht zwischen Auschwitz und üblen Zuständen in einem griechischen Flüchtlingscamp unterscheiden kann, sollte man vielleicht besser kein Buch darüber schreiben. Jean Ziegler (85) hat’s dennoch probiert. Der bekannte Schweizer Polit-Agitator und Publizist hat im vergangenen Jahr den Flüchtlings-Hotspot Moira auf der griechischen Insel Lesbos besucht und das, was er dort sah, in dem jüngst erschienenen Buch "Die Schande Europas" niedergeschrieben.

Die Schande Europas, das sind für Ziegler die üblen Umstände, unter denen rund 15.000 Menschen aus dem Nahen Osten, Afghanistan und Schwarzafrika auf Lesbos leben. Er habe, schreibt der Autor, noch nie in seinem Leben "so schmutzige Behausungen, so verzweifelte Familien" erlebt. Es mangle an minimaler Hygiene, menschenwürdiger Ernährung und halbwegs angemessener Unterbringung der Migranten. "Wohin ich auch blicke, mit wem ich auch spreche, ich stoße auf Tragödien", berichtet Ziegler aus der "Hölle von Moria".

Jean Ziegler vergleicht das Flüchtlingslager auf Lesbos mit einem KZ. - © apa/H. Neubauer
Jean Ziegler vergleicht das Flüchtlingslager auf Lesbos mit einem KZ. - © apa/H. Neubauer

Der Furor schwächt das Anliegen

Nun sind die Zustände auf Lesbos ohne jeden Zweifel nicht so, wie man das von einem Auffanglager auf dem Territorium der Europäischen Union mit Fug und Recht erwarten würde. Die Missstände sind bekannt und von verschiedenen Hilfsorganisationen dokumentiert worden. Freilich ohne, dass sich darob nennenswert etwas zum Besseren geändert hätte. Die Ursachen, die auch Ziegler benennt: chronische Korruption vieler griechischer Beamter und Unternehmer, die einen Teil der internationalen Hilfsmittel in die eigene Tasche umleiten, schlampige Organisation mit Neigung zum Chaos, Kompetenzdschungel und Personalmangel.

Doch Ziegler begnügt sich nicht damit, diese gravierenden Missstände zu beschreiben. Ganz wie es sein aus zahllosen TV-Talkshows bekannter Stil ist, schreibt er sich in einen Furor hinein, der das legitime Anliegen des Buches letzten Endes schwerstens diskreditiert. So sagt er etwa über das Camp Moira: "Die Zustände dort gleichen denen in einem Konzentrationslager".

Wie geschichtsvergessen muss man sein, um die gewiss üblen Umstände auf Lesbos mit der industriellen Massenvernichtung von Millionen von Menschen während der Nazi-Diktatur zu vergleichen, die mangelhafte Ausstattung des Lagers auf Lesbos mit Duschen und Toiletten mit den Gaskammern und Verbrennungsöfen von Auschwitz? Wer so argumentiert, nimmt sich selbst aus jeder vernünftigen Debatte.

"Die differenzierte Darstellung zählt nicht zu seinen Stärken," hat das deutsche "Handelsblatt" einmal über Ziegler geschrieben, und mit "Schande Europas" beweist er einmal mehr, wie treffend diese Diagnose war und ist. Die Europäische Union etwa, die sich mit wenig Fortune darum müht, die Zustände in Moira nicht noch schlimmer werden zu lassen, kommt in dem Text grundsätzlich nur in Gestalt von "Eurokraten", als "Übeltäter in Brüssel" oder ‚finstere Bürokraten" vor. Von jemandem wie Ziegler, der im Fernsehen schon mal vor laufender Kamera dazu auffordert, "Spekulanten gehören aufgehängt", ist zwar kein anderer Sound zu erwarten, an Gewicht gewinnt das Buch dadurch freilich nicht wirklich.

Was Ziegler völlig ausblendet, wohl weil es nicht in seine gesinnungsethisch getriebene Polemik passt, ist der Hintergrund, vor dem die "Schande Europas" zustande gekommen ist. Der deutsche Nahost-Experte Thomas von der Osten-Sacken, der sich, anders als Ziegler, jahrelang in der Region aufhielt und ebenfalls 2019 Lesbos besuchte, schrieb danach: "Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen bezeichnete das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos als die ,Hölle auf Erden‘. Für Zigtausende Kurden in Nordsyrien, die nirgends mehr hin flüchten können, wäre es ein Traum, in dieser Hölle unterkommen zu können. . . Wie eine Afghanin mir kürzlich sagte: Ja, es sei schrecklich, aber immerhin fielen hier keine Bomben und man müsste keine Angst vor den Terroristen haben. Im Herbst 2019 ist das für sehr viele Menschen schon sehr viel - und wird für die meisten ein unerreichbarer Traum bleiben, die nicht einmal einen Ort erreichen können, an dem sie Zelte aufstellen könnten." Titel seines Berichtes: "Der Traum, in der Hölle ein Zelt aufschlagen zu können" ("Mena-Watch.com", 13.10.2019).

Auch das ist eine mögliche Sicht der Dinge, die sich der Agitator Ziegler freilich erspart. Eine wichtige Causa hat in ihm einen denkbar schlechten Anwalt gefunden.