Während sich Japan wegen des neuartigen Coronavirus auf einen nationalen Ausnahmezustand vorbereitet und um die Olympischen Spiele bangt, wirkt ein legendärer Animefilm plötzlich prophetisch. Er hatte alles vorausgesagt. Die zahlreichen Fans fühlen sich irgendwie bestätigt. "Sagt Olympia einfach ab!", steht als Graffiti auf ein Plakat gesprayt, auf dem die Organisatoren der Olympischen Spiele die Bevölkerung zur Unterstützung auffordern. In knapp fünf Monaten soll Tokio das größte Sportevent der Welt veranstalten und die Japaner sollten bitte ihr Mögliches tun, damit es ein positives Ereignis werde. Doch die Bevölkerung ist in Aufruhr. Die Unruhen im Land lassen die Großveranstaltung, die vor allem die Regierung und ihre Sponsoren stützen würde, wie eine zynische Spielerei aussehen. Olympia muss ausfallen.

Das ist nicht das wahre Tokio dieser Tage, sondern vielmehr jenes aus der Geschichte "Akira". Der Zeichentrickfilm aus 1988 spielt im Jahr 2019 in einem nach einer atomaren Explosion wieder aufgebauten Tokio. Doch seit einigen Tagen ist die Katastrophenstimmung aus diesem legendären Anime, der in Japan zu den beliebtesten überhaupt zählt, im Alltag präsent: Das Land zählt mehr als 900 Coronavirusfälle und gehört damit zu den nach China am stärksten betroffenen Ländern.

"Der Tag ist gekommen"

Die Nordinsel Hokkaido hat eine Defacto-Ausgangssperre verhängt. Am Montag sagte die Regierung in Tokio, man müsse sich auf einen Ausnahmezustand einstellen. Und je ernster die Situation wird, desto stärker beharrt die Regierung darauf, die Olympischen Spiele wie geplant auszutragen.

Andere Sportveranstaltungen wurden bereits abgesagt. Experten äußern Zweifel an der Machbarkeit von Olympia. Das Organisationskomitee präsentierte aber dennoch zuletzt das offizielle Motto von Tokyo 2020: "Vereint in Emotion." In Tokio fragt man sich zusehends: Geht es wohl um die Emotion der Nervosität? Durch Hamsterkäufe sind Klopapier, Gesichtsmasken und Desinfektionsspray Mangelware.

Was könnte die Geschichte noch vorhergesagt haben? "Der Tag ist gekommen", twitterte der User Jin0001 und wies darauf hin, dass sowohl in "Akira" als auch im echten Tokio fünf Monate vor Beginn der Spiele eine Krise ausgebrochen sei. Um die 10.000 Mal wurde diese Nachricht samt Aufnahme aus dem Film geteilt.

Kurz darauf posteten andere Liebhaber des Films eine Installation der Filmszene mit dem Olympiaplakat und Graffiti, die sie in Miniatur aufgebaut und abfotografiert hatten. 17.000 Personen teilten das. Ein weiterer User postete ein Video, in dem die Organisatoren von Tokio 2020 die vermeintliche Absage der Olympischen Spiele kommunizieren. Mittlerweile diskutieren auch Mainstreammedien die ironischen Parallelen.

Eher selten können sich die Liebhaber von Anime und Manga in Japan als Prognostiker profilieren. Meistens haftet den "Otaku", wie die Millionen Fans dieser oft schrillen Popkultur genannt werden, der Ruf des Weltfremden an. Obwohl die versierten wie traditionsreichen Comics und Cartoons durchaus in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt sind, wird auf die oft überdrehten Geschichten tendenziell herabgeschaut. Wer Manga oder Anime sein Hobby nennt, dem trauen konservativere Gemüter selbst in Japan oft nicht zu, sich auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können. Auch so erklärt sich der momentane Boom der Rechthaber. Endlich können sie behaupten: "Haben wir’s nicht gesagt?" Oder: "So blöd ist unsere Kultur wohl doch nicht, was?" Akira ist nicht irgendein Film. Kurz nachdem die Animation des gleichnamigen Mangas aus 1982 im Jahr 1988 in die Kinos gekommen war, schlug sie in Japan Wellen. Kein Anime zuvor hatte so detailreiche und realistische Zeichnungen aufgeboten. Niemals zuvor hatte man sich so tief in die Geschichte gezogen gefühlt, etwa wenn sich der Protagonist Shotaro Kaneda auf dem Motorrad durch Tokio bewegt. Neben ihm türmen sich Wolkenkratzer, verschwimmen, verschwinden, ehe sich die nächsten auftürmen.

Prophetische Comics

Der Hyperrealismus in Akira inspirierte auch das internationale Kino, von "Matrix" bis "Stranger Things." Es handelt sich um animierte Fiktion, die total realistisch wirkt. Diese Einschätzung wird in Japans Webcommunity nun auch jenseits des Stilistischen geführt. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass ein Anime oder Manga den realen Gang der Dinge vorausgesagt hat. Das Anime "Psycho Pass" hat etwa den Gebrauch von Hologrammen vorhergesagt, die in Japans Popmusik heute nicht mehr neu sind. Das Manga "Ghost in the Shell", das zuletzt in Hollywood als Spielfilm produziert wurde, handelte bereits 1989 von einem Daten- und Informationskrieg. Heute würde das niemand für weltfremd erklären.

Schon als Tokio im Herbst 2013 den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Spiele erhielt, klopften sich Millionen Otaku im Land auf die Schulter. Und schon damals hörte man böse Zungen flüstern, dass jetzt nur noch eine Krise ausbrechen müsste, die Olympia ins Wanken bringt. Nun geraten die Anime- und Manga-Liebhaber allerdings in einen Interessenkonflikt. Will man lieber recht haben und die Welt aufgrund von Geschichten vorhersagen, oder doch lieber in einer sicheren Welt leben? Im Film Akira jedenfalls verfällt Tokio in einen Bürgerkrieg, eine Atombombe explodiert. Um die gesundheitlichen Folgen eines Virus machen sich die Leute da kaum noch Sorgen.