Jetzt wird gleich von Vincent van Goghs Ohr die Rede sein, von Paul Verlaines Schuss auf Arthur Rimbaud, von dessen "Illuminations", von Edgar Allan Poe, Paul Gauguin, Joris Karl Huysmans, dem Satanisten Aleister Crowley und von Oscar Wilde.

Was sie vereint, ist der Absinth.

Dass die US-Amerikaner den heutigen Tag diesem Schnaps gewidmet haben - soll sein. Man könnte es glatt als eine ihrer Schrullen ignorieren, hinge nicht ein guter Teil der europäischen Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts an diesem Gebräu.

Wer hat’s erfunden? - Die Schweizer. Im 18. Jahrhundert haben sie den Absinth im Val de Travers (heute République et Canton de Neuchâtel) als Heilmittel hergestellt.

Einspruch jedoch! Hergestellt haben sie den Absinth. Der Erfinder aber war kein Schweizer, sondern ein in den Ort Couvet geflohener französischer Arzt, ein gewisser Pierre Ordinaire, der Alkoholika zwecks Heilwirkung mit Wermutkraut, lateinisch Artemisia absinthium, versetzte.

Anfangs war der Absinth Apothekerware. Als Frankreich 1830 dann Algerien besetzte, erhielten die Soldaten gegen die Tropenkrankheiten und das schlechte Wasser eine tägliche Ration Absinth. Die zurückkehrenden Soldaten machten das Gebräu in ganz Frankreich bekannt. Absinth war billig, und da man die Grundsubstanz mit ihren 45 bis 85 Prozent Alkohol mit Wasser vermischt trank, konnte man selbst die Stärke regulieren.

An den Flaschenhals ging es dem Absinth ab 1905, als ein Mord in der Waadtländer Gemeinde Commugny auf das im Schnaps enthaltene Thujon zurückgeführt wurde, ein ätherisches Öl, das im Wermutkraut enthalten ist und Schwindel, Wahnvorstellungen, Depressionen und Krämpfe verursacht. Nach 1910 wird der Absinth dann wegen seiner halluzinatorischen Wirkung allmählich in den meisten Staaten verboten. Erst in den 1990er Jahren, als längst bekannt war, dass die Thujon-Menge im Absinth nicht ausreicht, um Wahnvorstellungen zu erzeugen, stieg er erneut zum Modegetränk auf.

Soweit eine rudimentäre Geschichte des Absinth.

Ritual und Rausch

Ganz Frankreich scheint im 19. Jahrhundert in einem Meer aus Absinth zu baden, in dem manch einer ertrinkt. Doch wie schafft es ein mit Wermut, Anis, Fenchel und einigen anderen Kräutern aufgebesserter Fusel, zum Modegetränk einer Nation zu werden? - Das hängt wohl mit dem Ritual des Absinthtrinkens zusammen: Man schüttet nicht einfach das Wasser in den Schnaps. Man legt ein bis zwei Stück Würfelzucker auf einen speziellen siebartig durchbrochenen Absinthlöffel, platziert ihn über dem Trinkglas, in dem sich der Absinth befindet, lässt sehr langsam kaltes Wasser über den Zucker in den Absinth tropfen und sieht zu, wie die verzuckerten Wassertropfen milchige Schlieren durch die grüne Substanz ziehen, bis der ganze eingeschenkte Absinth von Dunkelgrün in milchiges Hellgrün verwandelt ist. Angesichts eines ungefähren Mischungsverhältnisses von einem Teil Absinth zu drei bis fünf Teilen Wasser dauert das einige Zeit. Solch eine Absinthmeditation gemahnt an eine heilige Handlung.

Um 1860 gehört die "heure verte", die "Grüne Stunde", zum Gesellschaftsleben aller Bevölkerungsschichten Frankreichs. Zum ersten Mal in der Geschichte Trinken auch Frauen der besseren Gesellschaft Hochprozentiges. In Lokalen stehen Absinthfontänen, Abarten des Samowars, gefüllt mit kaltem Wasser. Man stellt sein Absinthglas mit dem darübergelegten Zuckerlöffel unter einen der Tropfhähne, dreht auf und wartet. Der stete Tropfen bringt den Absinthtrinker an sein Ziel. Art-nouveau-Künstler entwerfen die Absinth-Löffel und die Absinth-Fontänen und die Etiketten und die Plakate, auf denen der Absinth verspricht, in Märchenländer zu entführen, in denen schöne Frauen nur darauf warten, ein Glas Absinth mittrinken zu können.

Dichtung der Delirien

Eine Flasche Rotwein macht einen Philosophen, behauptet ein Sprichwort (was einige heutige philosophische Ansätze erklären mag). Beim Absinth ist die Überhöhung weit größer, denn hier bedingen Ritual und Rausch einander gegenseitig. Eine Feier ist das: ein Trankopfer, heidnisch oder christlich. Der Absinth wird verklärt zur "fée verte", zur "Grünen Fee". Im Rausch erfüllen sich die Wünsche.

Arthur Rimbauds "Illuminations" sind durchzogen von Absinth-Visionen: "Ich habe Seile gespannt von Turm zu Turm, und Girlanden von Fenster zu Fenster, und goldene Ketten von Stern zu Stern, und ich tanze." War es eine Ernüchterung, die Rimbaud im Alter von 19 Jahren mit der Literatur abschließen ließ? Nie wieder hat er nachher ein dichterisches Wort geschrieben.

Auch die dunklen Seiten des Absinth erfährt Rimbaud, als am 10. Juli 1873 sein Freund, der Dichter Paul Verlaine, in einem Beziehungsstreit mit einem Revolver auf ihn schießt. Andere dunkle Seiten des Absinth: Vincent van Gogh schneidet sich ein Ohr ab - eine Selbstverstümmelung, die erklärbar wird durch die Folgen von Absinth-Rauschzuständen, die er mit seinem Maler-Kollegen Paul Gauguin durchlebt. Da ist auch das glorreiche Dunkel des Romans "Là-bas" (Tief unten) von Joris Karl Huysmans der den Realismus verlässt zugunsten von Dekadenz und Okkultismus. Die Schwarze Messe darin - sie kann das Ergebnis eines Absinth-Rausches sein.

Der Absinth verlässt Frankreich: Der Amerikaner Edgar Allan Poe schafft Delirien wie "Das verräterische Herz", "Berenice", "Der Fall des Hauses Usher" und "Der Rabe" - und endet im Delirium. Welche Rolle mag der Absinth spielen bei den Visionen, denen sich der Brite Aleister Crowley hingibt und schließlich bei Sexualmagie und Satanismus landet? Gut möglich auch, dass es die Grüne Fee ist, die Oscar Wilde das "Bildnis des Dorian Gray" in die Feder diktiert. Man kann sich Wilde und sein Alter Ego Dorian gut als den Absinthtrinker vorstellen, den Pablo Picasso malt: dandyhaft, doch die Gesichtszüge entgleiten.

Seit 1877 wollen Antialkohol-Ligen den Absinth verbieten lassen. Erst um 1910 haben sie erste Erfolge. Tatsächlich wird der Absinth von den meisten Staaten verboten. Bis weit ins 20. Jahrhundert gilt die Spirituose als verrucht, quasi als eine Art Rauschgift.

Schlechter Schnaps

Heute pfeifen die Spatzen die Erkenntnisse der Lebensmittelchemiker vom Dach: Auch wenn die Thujon-Menge der seinerzeitigen Absinthe höher gewesen sein mag als die der heutigen - von halluzinatorischer Wirkung waren sie gewiss nicht.

Und was hat dann all das verursacht? - Ganz einfach: Absinth war, wie erwähnt, mit Kräutern geschmacklich verbesserter Fusel, minderwertigster Alkohol mit hohen Dosen an Amylalkohol und Methanol. Diese höchst ungesunde Substanz kann, schon in normalen Mengen genossen, bewusstseinsveränderte Zustände herbeiführen. Sie schmeckte mild und wurde obendrein mit Zucker versetzt. Jeder Konditor weiß: Süßes macht Appetit auf mehr Süßes. Man hat den minderwertigen Alkohol in Unmengen genossen, auch, weil Absinth billiger war als Wein.

Heutige Absinthe sind Kultgetränke. Ihre Grundlage ist hochwertiger Alkohol. Und von billig ist keine Rede mehr. Die Preise bewegen sich zwischen 30 und 70 Euro pro 0,7-Liter-Flasche. Betrinken kann man sich damit nach wie vor. Ob dadurch freilich etwas entsteht wie die "Illuminations", sei dahingestellt. Und wer Probleme mit seinen Ohren hat, ziehe sicherheitshalber Mineralwasser vor.