Nichts geht mehr - zumindest fast nichts. Bis auf wenige Ausnahmen haben am Mittwoch auch Museen in ganz Österreich ihren Betrieb eingestellt. Das betrifft unter anderem alle Bundesmuseen (darunter Belvedere, Albertina, Kunsthistorisches Museum), das Wien Museum mit allen Standorten, das Leopold Museum, das Heeresgeschichtliche Museum. Außerdem bleiben die Häuser der Niederösterreichische Kulturwirtschaft GmbH (NÖKU), also zum Beispiel die Kunstmeile Krems, geschlossen, ebenso das steirische Universalmuseum Joanneum. In Oberösterreichischen Museen ist mit Einschränkungen zu rechnen - so soll darauf geachtet werden, dass sich nicht mehr als 100 Personen gleichzeitig in den Ausstellungsräumen befinden. Für dieselbe Vorgehensweise haben sich in Wien Kunsthalle und Kunsthaus entschieden.

Veranstaltungen und Vernissagen der Institutionen wurden aber auch hier abgesagt. Das gilt auch für Galerien - bei einem Rundruf in Wien zeigt sich, dass die Kunsthändler den regulären Betrieb aufrechterhalten. Die Frequenz in den Räumlichkeiten ist im regulären Betrieb nie so hoch, dass die 100-Personen-Grenze annähernd erreicht wird. Vernissagen werden abgesagt oder auf einen kleineren Rahmen reduziert.

Absolute Ausnahmesituation

Die verordneten Absagen von Kulturveranstaltungen basieren auf Paragraph 15 des Epidemiegesetzes, somit gibt es keinen offiziellen Anspruch auf Ersatz für entgangene Einnahmen. "Wir bauen aber auf die Vernunft der Eigentümer", sagt Bundestheater-Holdingchef Christian Kircher im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der Appell an die Bundesregierung ist nachvollziehbar, schließlich werden die Bundestheater vermutlich die massivsten Ausfälle zu verbuchen haben. Seit Dienstag, 10. März, sind die Pforten der Wiener Großbühnen geschlossen, bis voraussichtlich 3. April, 12 Uhr. Kircher schätzt die entgangenen Einnahmen in Staats- und Volksoper sowie Burg- und Akademietheater auf rund 4,5 Millionen Euro. "Das ist eine absolute Ausnahmesituation, wir stehen vor einer großen Herausforderung", so Kircher.

Viele Fragen seien derzeit noch offen, etwa welche arbeitsrechtlichen oder sozialrechtlichen Möglichkeiten es gäbe, um die finanzielle Situation etwas abzufedern. Der Probenbetrieb läuft derzeit weiter. "Im Vordergrund steht die Sorge um die Menschen, das Wohl der Mitarbeiter und Zuschauer", so Kircher.

"Wir wollen die Aufregung nicht schüren", sagt Ulrike Kuner, Geschäftsführerin der IG Theater und rät Künstlerinnen und Künstler dringend, ausgefallene Vorstellungen und damit einhergehende Einnahmenseinbußen genau zu dokumentieren und nach Ausweichmöglichkeiten zu suchen. Kuner sieht rechtliche Graubereiche, etwa was vereinbarte Koproduktionszahlungen betrifft und bereits erbrachte Vorleistungen für möglicherweise abgesagte Premieren. "Wie schlimm es tatsächlich wird, lässt sich derzeit überhaupt nicht abschätzen," so Kuner. Mit einer so drastischen Maßnahme wie einer Beschränkung auf unter 100 Personen war aus Kuners Sicht nicht zu rechnen, in Deutschland wurden Veranstaltungen ab 1000 Besuchern abgesagt.

Mit der Stadt Wien wurden bereits Gespräche geführt, ob in Härtefällen auf den Notfallhilfefonds zurückgegriffen werden könnte, auch der Künstler-Sozialversicherungsfonds verfügt über ein Notfallbudget. Allgemeine Einkommensausfälle können dadurch nicht abgegolten werden, aber wenn ein Künstler nachweislich seinen Lebensunterhalt aufgrund von nun abgesagten Veranstaltungen nicht mehr abdecken kann und völlig ohne Einkommen dasteht, kann um Beihilfe beim Unterstützungsfonds der Künstler-Sozialversicherung angesucht werden. Für diese Fälle fordert die Gewerkschaft younion besondere Unterstützung. Nicht alle Vorstellungen, die jetzt nicht stattfinden, können nach der Krise eingeschoben werden. "Weg ist weg. Keine Vorstellung, keine Gage", so ÖGB-Bundessekretär Thomas Dürrer.

Auch Diagonale stöhnt

Die Kultursprecherin der Grünen, Eva Blimlinger will sich für schnell wirksame Maßnahmen einsetzen, denn "die Lebensrealität der meisten in der Kunst und Kultur Tätigen erlaubt es nicht, womöglich viele Wochen ohne Einnahmen durchzustehen", so Blimlinger, "hier müssen wir schnell handeln." In einer ersten Stellungnahme von Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek heißt es: "Wir sind dabei, die Folgen abzuschätzen. Es ist klar, dass der Kunst- und Kultursektor ein für Österreich essenzieller Wirtschaftsfaktor ist, auch für den Tourismus. Wir sind dabei zu klären, ob und wie die Auswirkungen auf die Kulturbranche abgefedert werden können."

Auch die Filmbranche stöhnt unter dem Corona-Erlass. So musste mit der Diagonale das größte und wichtigste Filmfestival für den österreichischen Film ersatzlos abgesagt werden. "Ob der erhöhten Reiseaktivitäten von nationalen und internationalen Gästen sowie einer starken Verschränkung innerhalb einzelner, auch weniger als 100 Besucher zählender Programmpunkte versteht sich diese Absage als alternativlos. Rechtliche Vereinbarungen, temporäre Verträge sowie finanzielle und personelle Ressourcen machen eine Verschiebung zudem unmöglich." Hintergrund: Viele Diagonale-Premieren wären auch an kurz danach geplante Kinostarts der Filme gebunden gewesen. Die finanziellen Folgen sind beträchtlich, wenngleich sie die Diagonale noch gar nicht beziffern kann.

Beim Filmfestival Crossing Europe in Linz, das von 21. Bis 26. April stattfinden soll, gibt man sich derweil noch abwartend. Eine Absage steht noch nicht im Raum.

Festwochen sind optimistisch

Auch der Fachverband der Audiovisionsindustrie in der WKO hat den Erlass bereits kommentiert. Daraus "ergeben sich nicht nur große wirtschaftliche Schäden für die Tourismuswirtschaft und die Verkehrsbranche, sondern natürlich auch für den Film- und Musikbereich, vor allem auch als ‚Content-Zulieferer‘ für Tourismus, Messen oder Live-Veranstaltungen", heißt es aus der WKO. "Gerade da unsere Wirtschaft kleinteilig organisiert ist, können diese Schäden für die einzelnen Unternehmen durchaus existenzgefährdend sein und wir haben daher schnellstens Kontakt mit den Institutionen aufgenommen, um auch für diese Bereiche eine Einbeziehung in die vom Sozialministerium angekündigten Haftungsfonds zu erreichen. Entsprechende Anfragen und Forderungen der Film-und Musikwirtschaft und anderer Institutionen des Kulturbetriebs sind in Erarbeitung." Der Fachverband empfiehlt allerdings, bereits allfällige Ausfälle genau zu dokumentieren.

Christophe Slagmuylder, Intendant der Wiener Festwochen, zeigt sich noch optimistisch, dass das Theaterfestival wie geplant am 15. Mai eröffnen wird. Bisher gäbe es, anders als bei anderen Festivals, noch keine Absagen von Künstlern. Das Programm sieht kaum Produktionen aus Asien vor, aus Italien ist lediglich ein Projekt von Romeo Castellucci geplant. Slagmuylder: "Es ist sehr schwierig zu antizipieren, was ab der zweiten Mai-Hälfte passieren wird. Wir werden auf alle Änderungen entsprechend reagieren. Derzeit geht aber vorläufig alles, inklusive Ticketbestellung, weiter."