Wie viele taugliche Opern nach Goethes "Faust" gibt es eigentlich? Die von Gounod wird im Repertoire gespielt - glänzendes Sängerfutter, gewiss. Aber es gibt gute Gründe, weshalb man das Werk im deutschen Sprachraum lieber "Margarethe" als "Faust" nennt - nur, um den gewissen Niveauunterschied zu verdeutlichen. Überhaupt scheint es, als hätten die Komponisten einen Bogen um Goethes überragende Gestalt gemacht: Berlioz hat sich aus allen Quellen etwas Eigenes zusammengebraut, die Opern von Reutter und Busoni basieren auf dem Puppenspiel. Schumann verwendet zwar Goethes Text, komponiert seine Faust-Szenen aber für den Konzertsaal. Bloß der eigenbrötlerische Brite Havergal Brian stützt sich auf Goethes Drama - und zwar im deutschen Original. Angeblich hat er sich die Sprache im Selbststudium beigebracht, um es lesen zu können.

Und dann gibt es die eine Ausnahme, und die ist tatsächlich so bemerkens- wie rühmenswert: "Mefistofele" des Italieners Arrigo Boito. Dieses Werk liegt nun auf DVD und Blue-Ray in einer Produktion der Bayerischen Staatsoper in der Inszenierung von Roland Schwab mit René Pape in der Titelrolle vor.

Boito ist eine spannende Gestalt: Er war es, der als Wagnerianer Verdi mit den musikdramatischen Techniken des Deutschen vertraut machte. Boito verfügte als Autor über die Gabe, Dramen ohne Substanzverlust in Libretti zu transferieren. So schrieb er für Verdi die Libretti zu "Otello" und "Falstaff", indem er Shakespeares Dramen umwandelte, ohne ihnen Gewalt anzutun.

Arrigo Boito Mefistofele
Arrigo Boito Mefistofele

Das gelang ihm auch in seinem eigenen "Mefistofele": Sein einziger nennenswerter Eingriff bestand in einer Verschiebung hin zum Teufel - aber das müsste schon ein seltsamer Komponist sein, der sein Heil beim gelangweilten Gelehrten zu finden hofft statt beim saftigen Satan.

Boito bietet nahezu alle Kernszenen, auf die der "Faust"-Enthusiast wartet. Bloß statt des Pudels gibt es einen Mönch, und Auerbach hat seinen Keller offenbar geschlossen, eine Auslassung, die unverständlich ist und nur mit der sonst ausufernden Länge erklärbar wäre. Am Schluss kann Faust dem Netz des Bösen entkommen und in den Himmel aufsteigen, während Mephistopheles der entfleuchenden Seele gellend nachpfeift.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Welch eine Oper! Und welch ein Jammer, dass es Boitos einzige vollendete geblieben ist. Denn wie sein "Nerone" in Endgestalt ausgesehen hätte, kann man kaum erahnen. "Mefistofele" floppte bei der Uraufführung 1868. Erst die gekürzte Version von 1875 setzte sich durch.

Schwab war ein enger Mitarbeiter von Christine Mielitz. Sein Ansatz ist ähnlich: Er versucht, mit der Bühnensprache der Gegenwart den Kern eines Werkes zu verdeutlichen, ohne ihm widersprechende Inhalte aufzupfropfen. Seine "Mefistofele"-Inszenierung ist ein wilder Parforceritt durch Oktoberfest und Heavy Metal, durch schwüle Erotik und Pyrotechnik. René Pape mit dämonischem Grinsen, mantrischen Handbewegungen und auftrumpfendem Bass ist ein idealer Mefistofele. Joseph Calleja trägt schwer daran, dass Boito für Faust keine Sympathien hegte, aber Kristine Opolais überzeugt als Margherita. Dirigent Omer Meir Wellber mag’s klangintensiv - aber angesichts solcher Höhepunkten schweigt die Kritik zu Detailfragen: Eine überzeugende Produktion eines faszinierenden Werks. Unbedingt kennenlernen!